30.5.26

Mythos „Fachkräftemangel“ – die Fortsetzung, Stand 2026

 Fangen wir mit Akademikern an. Genauer gesagt, mit Lehrern und Ärzten.

Fakt ist: Es gibt genug Abiturienten, die gerne Lehramt oder Medizin studieren wollen. Warum wird dann von „Mangelberufen“ gesprochen?

Einfache Antwort: Es geht um Geld.

Unserem Staat ist es schlichtweg zu teuer, genügend Studienplätze für angehende Ärzte und Lehrer zur Verfügung zu stellen. Ein Studienplatz für einen Mediziner kostet mehrere Zehntausende Euro im Jahr (Anmerkung: ein Politologie-Studium für Leute wie mich nur einen Bruchteil davon). Deswegen ist der Numerus Clausus für angehende Ärzte so hoch.

Lehrer müssen verbeamtet werden. Deswegen werden für den Lehrberuf verstärkt billigere Seiteneinsteiger geworben. Die werden vor den Sommerferien entlassen und können (nein: müssen) bis zum Beginn des neuen Schuljahres zum Sozialamt gehen (so war das zu Zeiten meiner Mutter). Außerdem gibt es die Diskussion, Lehrer nicht mehr zu verbeamten – was allerdings kurzfristig nichts bringt, weil der Staat für angestellte Neu-Pädagogen dann auch Sozial-, Renten- und Krankenversicherungsbeiträge abführen müsste.

Vor einigen Monaten sah ich eine Dokumentation im ZDF zum Thema „Fachkräftemangel“. Was wurde dort als Beispiel genannt? Unter anderem eine Gastwirtschaft im Thüringer Wald. Deren Chef findet keine Köche und Kellner mehr. Nichts gegen den wunderschönen Thüringer Wald. Aber dass dort angesichts von dünner Besiedlung und Abwanderung ein Bewerbermangel herrscht, das ist doch eigentlich kein Wunder, oder?

Ebenfalls vor einiger Zeit hörte ich im Dlf eine Reportage über Öffentliche-Dienst-Anwärter in MeckPomm. Auch hier redete der interviewte Einstellungsbeauftragte vom „Fachkräftemangel“. Auf Nachfrage gab er allerdings zu, dass man das schon tue, wenn sich auf 200 Stellen „nur“ 400 Bewerber melden - was für mich kein „Fachkräftemangel“ ist. Auf die Idee, dass man geeignete Arbeitskräfte nachschult, wenn sie Defizite haben, kommt das Land offenbar nicht. Kein Wunder - das kostet wieder Geld.

Ein weiteres Beispiel: In einem Podcast von „Plusminus“, nachhörbar bei ARD Sounds, hat der WDR mal ein paar Zahlen genannt. Deutschland hat rund 83 bis 84 Millionen Einwohner. Wir haben dutzende Millionen Beschäftigungsverhältnisse. Außerdem haben wir momentan rund drei Millionen Erwerbslose.

Wie viele offene Stellen gibt es auf der anderen Seite ? Ich habe hier die genaue Zahl nicht mehr im Kopf. Aber nach meiner Erinnerung sagte Moderatorin Anna Planken etwas von weniger als 500.000 unbesetzten Arbeitsplätzen. Ist das viel? Nein.

Dazu kommt noch der „Mismatch“. Das bedeutet, vereinfacht gesagt: Wenn man zehn arbeitslose Kaufleute hat, aber zehn Krankenpfleger benötigt, passt das Arbeitskräfteangebot eben nicht auf die Nachfrage. Man könnte die Menschen gezielt ansprechen und umschulen. 

Aber auch hier – das kostet wieder Geld.


17.5.26

Warum unser Wirtschaftsmodell zum Problem geworden ist

Lange hat die „Deutschland AG“ funktioniert. Selbst, als seit den 1990ern die Globalisierung und der Privatisierungs- und Deregulierungswahn einsetzte, gab es meist noch Kompromisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Streiks waren eher selten.

Nun bröckelt alles. Die deutschen Schlüsselindustrien Auto und Chemie bauen reihenweise Jobs ab. Die jahrzehntelange, einseitige Fixierung auf wenige Industriezweige und auf den Titel „Exportweltmeister“ rächen sich nun.

Wer ist schuld? Nach Ansicht der Neoliberalen der einfache Bürger. Deswegen werden Krankenkassenleistungen, Renten und Sozialleistungen gekürzt. Als würde uns das auch nur einen Schritt Richtung wirtschaftliche Erholung bringen. Euphemistisch nennen sie diesen Sozialabbau „Reformen“.

Die USA, unser einst engster Partner, setzen auf radikalen Nationalismus. Sie haben traditionell ein hohes Handelsbilanzdefizit, glichen das bisher aber durch exzessiven Binnenkonsum aus. Damit gibt sich die Trump-Regierung nun nicht mehr zufrieden.

China hat uns in Sachen Erneuerbare Energien und Elektromobilität längst überholt. Während wir hier allen Ernstes den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Verbrenner forcieren – genau das falsche Signal.

Was ist die Lösung? Ausgerechnet der CDU-Digitalminister Wildberger hat es vor einigen Wochen, quasi in einem Nebensatz, in einem Interview gesagt: Ein „bedingungsloses Grundeinkommen". Dafür müssten zwar die Steuern erhöht werden. Aber es wäre ein Ausweg aus dem Sozialstaats-Blame-Game und Den-einfachen-Bürger-für-alles-Übel-verantwortlich-machen.