18.7.25

Wo ich mich geirrt habe

Ich habe nicht damit gerechnet, dass Friedrich Merz doch noch einmal Kanzler wird. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass es zu einer erneuten Großen Koalition kommt.

Diese Regierungskonstellation hatten wir in den letzten 20 Jahren zwölf Jahre lang. Als Angela Merkel 2021 abtrat, galt das Parteienbündnis eigentlich als abgewirtschaftet.

Dann aber folgte im Februar dieses Jahres der große Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl. Und man muss es so klar sagen: Wer die AfD wählt, wählt die GroKo.

Die „Ampel“ hat sich über viele Details gestritten. Deswegen ist sie vorzeitig gescheitert. Die gescheiterte Richterwahl im Bundestag vergangene Woche zeigt nun aber, dass sich Union und SPD auf vielen Politikfeldern ebenfalls nicht einig sind. 

Bei der „Ampel“ waren die Knackpunkte Soziales, Finanzen und Wirtschaft. Bei der neuen alten GroKo sind es gesellschaftspolitische Themen wie Abtreibung. Die Hetze durch einschlägige soziale wie klassische Medien trägt zusätzlich zur Vergiftung der Stimmung bei.

Ich bleibe bei meiner Aussage, die ich an dieser Stelle schon einmal tätigte. Meine Vermutung ist, dass diese Regierung keine vier Jahre halten wird. Die schnellen Stimmungswechsel in der Bevölkerung und das zunehmende Wechselwählerverhalten werden bald dazu führen, dass es neue Mehrheiten gibt, so prognostiziere ich.

Mal sehen, ob ich damit Recht behalten werde.

13.7.25

1945 – 2025: Achtzig Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus

In diesem Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Ich, als 1980 Geborener, kenne die Zeit aus Erzählungen meiner Lehrer und Verwandten.

Vor 40 Jahren, am 8. Mai 1985, hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor dem Bundestag eine im In- und Ausland sofort allgemein als gültig anerkannte Rede, in der er sagte: „Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit.“

Mein Vater, 1948 geboren, erzählte, wie er als Kind in den 1950er-Jahren auf Trümmergrundstücken spielte. Später hörten sie Elvis Presley, die Beatles und die Rolling Stones, den AFN und BFBS, ließen sich die Haare wachsen, demonstrierten und sorgten dafür, dass sich die junge Bundesrepublik langsam liberalisierte.

Mein erster Englischlehrer auf dem Gymnasium in Hessen erzählte gerne lachend die Geschichte, dass sie als Kinder US-Soldaten um Kaugummi anbettelten mit den Worten: „Have you chewing gum?“ Pädagogisch wertvoll ergänzte er, dass es ja eigentlich „Have you GOT SOME chewing gum for me“ hätte heißen müssen.

Meine Großmutter, auf dem Land in Norddeutschland wohnend, erwähnte, dass die „Kanadier über die Ems geschossen“ hätten. Das fanden meine Eltern immer lustig, weil dort vom Krieg nach ihren Worten ja nicht viel zu merken gewesen sei. 

Meine andere Großmutter war vor den Bomben aus dem Rheinland in den Harz geflüchtet. Sie kehrte erst 1961 nach Hause zurück. 2001 besuchte ich ihre Schwester in den USA. Sie war in den 1950er-Jahren ausgewandert und hatte einen amerikanischen Juden geheiratet. Dessen Familie war naturgemäß nicht eben begeistert, aber das hatte sich bald geklärt.

Im Leistungskurs in der Schule und als Studierender habe ich mich viel mit der Weimarer Republik, ihrem Scheitern, der Zeit von 1933 bis 1939 sowie dem Krieg bis 1945 auseinander gesetzt. Das Grauen, das das „Dritte Reich“ bedeutete, darf meiner Meinung nach nicht nur in Sonntagsreden erinnert werden.

Die Alliierten – Amerikaner, Briten, Franzosen und, ja, auch die Sowjets – waren Befreier. Daraus zu folgern, dass die NS-Zeit nur ein „Vogelschiss“ war, ist geschichtsvergessen und schlicht falsch. Auch, wenn rechte Influencer und Parteien im Internet und auf Märkten andere Dinge behaupten und Einfluss auf junge Menschen nehmen wollen – „Nie wieder ist jetzt!“

Das dürfen wir niemals vergessen.

8.7.25

Dialekte: Warum ich sie nur imitieren, aber nicht praktizieren kann

Wenn ich früher mal irgendwo eingeladen war - das kam selten vor, aber jedenfalls, wenn ich doch mal irgendwo eingeladen war, half ich mir in für mich peinlichen Situationen einfach mit einem Dialekt aus. Ich redete dann bayerisch, sächsisch, rheinisch, hamburgisch...all die deutschen Dialekte eben, die ich imitieren konnte. 

So ein wenig wie in dem legendären Sketch von Peter Frankenfeld, als er vor einer Karte steht, auf die Region zeigt und das dort Gesprochene imitiert.

Meist war ich durch den Dialekt dann aus der peinlichen Situation raus, weil die Leute lachten. Nur ich fühlte mich mies. Heute lasse ich es sein.

Warum ich das schreibe? Nun, heute war jemand von den Stadtwerken bei mir. Er sprach tiefstes rheinisch. Für einen Moment überlegte ich, ob ich, um mich besser und angepasster zu fühlen, einfach so sprechen sollte wie er. Ich ließ es sein.  

Den Frankfurter Dialekt etwa - ich hoffe, so etwas gibt es - mochte ich zu Unizeiten immer sehr. Ich überlegte, wie ich mich meinen Mitmenschen sprachlich anpassen konnte, damit ich "einer von ihnen" werden konnte. Ich ließ es sein.

Einmal war ich mit meinen Eltern im Urlaub in Dresden. Ich bestellte im Hotel, mit imitiertem sächsischen Dialekt, ein Bier. Meine Eltern ermahnten mich sofort, das sein zu lassen. Die Menschen würden sich von mir verarscht fühlen. Ich ließ es sein.

Daheim, in der Schule und an der Uni wurden wir auf hochdeutsch getrimmt. Ich hatte einen Lehrer, der tiefstes "ruhrgebietsdeutsch" sprach. Über den machten wir Schüler uns lustig. Unfair, wie ich heute denke.

Meine Eltern, das schrieb ich hier bereits einmal, sprachen null Dialekt. Meine Mutter konnte ostfriesisches Platt, aber das sprach sie nur sehr selten, wenn sie mal mit Bekannten aus der Heimat telefonierte. Mein Vater, geboren im südlichen Niedersachsen, wo man hochdeutsch spricht, nutzte aber dennoch manchmal Wendungen, die mir fremd waren. So sagte er etwa: "Das müssen wir denn mal machen." Dieses "denn" - das fand ich als Kind komisch. Meine Großmütter waren dagegen mit rheinisch und Platt sprechen aufgewachsen und pflegten das auch. Schon in der Generation meiner Eltern aber war es offenbar nicht mehr üblich, Dialekt zu sprechen.

Was ich heute sehr schade finde. 

30.6.25

Back to the 90s – Die neue alte Union

Heute Abend sah ich den neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) im ARD-Interview. Mir kam es so vor, als seien die Neunziger zurück. Weimer tat das, was die Linken bis Schröders Kanzlerschaft immer den Rechten vorwarfen:

Er „warf alles in einen Topf“.

Konkret kritisierte er vermeintliche „Wokeness“. Im gleichen Atemzug versprach er, US-Monopol-Technologiekonzerne zu besteuern und warf ihnen Rechtslastigkeit vor. Motto: „Zuckerbrot und Peitsche“ für die Kritiker.

Weimer unterscheidet nicht zwischen linker und rechter Gesellschaftskritik. Für ihn, der sich für einen aufgeklärten, liberalen Bildungsbürger hält, ist das alles eine Soße, was von Rechtsaußen (AfD) oder Linksaußen (Linkspartei) kommt. Hauptsache, die von ihm verehrte „bürgerliche Mitte“ (die ich hier schon einmal demontiert habe) ist stark und regiert.

Auch die Wirtschaftspolitik (Merz/Linnemann/Reiche) versprüht den Duft einer längst vergangenen Epoche. Die Regierung - also auch die SPD! – will ans Bürgergeld, die Rente und an die Lebensarbeitszeit ran.

Bürgergeld soll durch „Grundsicherung“ ersetzt werden, das Rentenniveau - so implizieren es konservative Politiker – kann nicht so bleiben, weil wir ja alle immer älter werden, und weil es von uns Älteren ja immer mehr gibt. Und die Lebensarbeitszeit, das fordern unionsnahe Wirtschaftsverbände schon lange, müsste dann eigentlich doch schon irgendwie, irgendwann auf 70 steigen.

Als wären die Neunziger mit ihrem Deregulierungs-, Privatisierungs-, und Kürzungswahn wieder da.

Schöne Aussichten.

11.6.25

Warum die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann. Und warum die Europäer sich nicht selbst verteidigen werden können.

Seien wir ehrlich: Wir – der Westen - können Kiew noch so viele Waffen liefern – den Krieg gegen Russland wird das Land nicht gewinnen können. Wenn die Amerikaner aufhören sollten, die Ukraine zu unterstützen – und das ist bei Donald Trumps Administration jederzeit zu befürchten -, können wir Europäer das nicht kompensieren. So leid es mir um das gebeutelte Volk der Ukraine tut, und so sehr es mir missfällt, dass Putin damit zeigen könnte, dass man Grenzen in Europa gewaltsam verschieben kann.

Mit Blick auf unsere Selbstverteidigung in Europa ist Ähnliches zu konstatieren. Selbst, wenn Franzosen und Briten uns Rest-Europäern ihre Nuklearwaffen zur Verfügung stellen sollten, und selbst, wenn wir Rest-Europäer massiv aufrüsten – gegen die Nuklearmächte USA und Russland ist das ein, sorry, „Vogelschiss“.

Deswegen finde ich den Ansatz des „Manifests“ der SPD-Linken Stegner, Mützenich, Walter-Borjans und Anderer richtig. Es bringt nichts, den Kalten Krieg im 21. Jahrhundert neu zu erklären. Es bringt auch nichts, jedem noch so absurden verteidigungspolitischen Ziel hinterher zu rennen.

Wir müssen neue Wege finden. In einer Welt, die politisch, wirtschaftlich und militärisch völlig unübersichtlich geworden ist. Wo das, was gestern noch galt, heute Makulatur sein kann.