8.7.25

Dialekte: Warum ich sie nur imitieren, aber nicht praktizieren kann

Wenn ich früher mal irgendwo eingeladen war - das kam selten vor, aber jedenfalls, wenn ich doch mal irgendwo eingeladen war, half ich mir in für mich peinlichen Situationen einfach mit einem Dialekt aus. Ich redete dann bayerisch, sächsisch, rheinisch, hamburgisch...all die deutschen Dialekte eben, die ich imitieren konnte. 

So ein wenig wie in dem legendären Sketch von Peter Frankenfeld, als er vor einer Karte steht, auf die Region zeigt und das dort Gesprochene imitiert.

Meist war ich durch den Dialekt dann aus der peinlichen Situation raus, weil die Leute lachten. Nur ich fühlte mich mies. Heute lasse ich es sein.

Warum ich das schreibe? Nun, heute war jemand von den Stadtwerken bei mir. Er sprach tiefstes rheinisch. Für einen Moment überlegte ich, ob ich, um mich besser und angepasster zu fühlen, einfach so sprechen sollte wie er. Ich ließ es sein.  

Den Frankfurter Dialekt etwa - ich hoffe, so etwas gibt es - mochte ich zu Unizeiten immer sehr. Ich überlegte, wie ich mich meinen Mitmenschen sprachlich anpassen konnte, damit ich "einer von ihnen" werden konnte. Ich ließ es sein.

Einmal war ich mit meinen Eltern im Urlaub in Dresden. Ich bestellte im Hotel, mit imitiertem sächsischen Dialekt, ein Bier. Meine Eltern ermahnten mich sofort, das sein zu lassen. Die Menschen würden sich von mir verarscht fühlen. Ich ließ es sein.

Daheim, in der Schule und an der Uni wurden wir auf hochdeutsch getrimmt. Ich hatte einen Lehrer, der tiefstes "ruhrgebietsdeutsch" sprach. Über den machten wir Schüler uns lustig. Unfair, wie ich heute denke.

Meine Eltern, das schrieb ich hier bereits einmal, sprachen null Dialekt. Meine Mutter konnte ostfriesisches Platt, aber das sprach sie nur sehr selten, wenn sie mal mit Bekannten aus der Heimat telefonierte. Mein Vater, geboren im südlichen Niedersachsen, wo man hochdeutsch spricht, nutzte aber dennoch manchmal Wendungen, die mir fremd waren. So sagte er etwa: "Das müssen wir denn mal machen." Dieses "denn" - das fand ich als Kind komisch. Meine Großmütter waren dagegen mit rheinisch und Platt sprechen aufgewachsen und pflegten das auch. Schon in der Generation meiner Eltern aber war es offenbar nicht mehr üblich, Dialekt zu sprechen.

Was ich heute sehr schade finde. 

30.6.25

Back to the 90s – Die neue alte Union

Heute Abend sah ich den neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) im ARD-Interview. Mir kam es so vor, als seien die Neunziger zurück. Weimer tat das, was die Linken bis Schröders Kanzlerschaft immer den Rechten vorwarfen:

Er „warf alles in einen Topf“.

Konkret kritisierte er vermeintliche „Wokeness“. Im gleichen Atemzug versprach er, US-Monopol-Technologiekonzerne zu besteuern und warf ihnen Rechtslastigkeit vor. Motto: „Zuckerbrot und Peitsche“ für die Kritiker.

Weimer unterscheidet nicht zwischen linker und rechter Gesellschaftskritik. Für ihn, der sich für einen aufgeklärten, liberalen Bildungsbürger hält, ist das alles eine Soße, was von Rechtsaußen (AfD) oder Linksaußen (Linkspartei) kommt. Hauptsache, die von ihm verehrte „bürgerliche Mitte“ (die ich hier schon einmal demontiert habe) ist stark und regiert.

Auch die Wirtschaftspolitik (Merz/Linnemann/Reiche) versprüht den Duft einer längst vergangenen Epoche. Die Regierung - also auch die SPD! – will ans Bürgergeld, die Rente und an die Lebensarbeitszeit ran.

Bürgergeld soll durch „Grundsicherung“ ersetzt werden, das Rentenniveau - so implizieren es konservative Politiker – kann nicht so bleiben, weil wir ja alle immer älter werden, und weil es von uns Älteren ja immer mehr gibt. Und die Lebensarbeitszeit, das fordern unionsnahe Wirtschaftsverbände schon lange, müsste dann eigentlich doch schon irgendwie, irgendwann auf 70 steigen.

Als wären die Neunziger mit ihrem Deregulierungs-, Privatisierungs-, und Kürzungswahn wieder da.

Schöne Aussichten.

11.6.25

Warum die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann. Und warum die Europäer sich nicht selbst verteidigen werden können.

Seien wir ehrlich: Wir – der Westen - können Kiew noch so viele Waffen liefern – den Krieg gegen Russland wird das Land nicht gewinnen können. Wenn die Amerikaner aufhören sollten, die Ukraine zu unterstützen – und das ist bei Donald Trumps Administration jederzeit zu befürchten -, können wir Europäer das nicht kompensieren. So leid es mir um das gebeutelte Volk der Ukraine tut, und so sehr es mir missfällt, dass Putin damit zeigen könnte, dass man Grenzen in Europa gewaltsam verschieben kann.

Mit Blick auf unsere Selbstverteidigung in Europa ist Ähnliches zu konstatieren. Selbst, wenn Franzosen und Briten uns Rest-Europäern ihre Nuklearwaffen zur Verfügung stellen sollten, und selbst, wenn wir Rest-Europäer massiv aufrüsten – gegen die Nuklearmächte USA und Russland ist das ein, sorry, „Vogelschiss“.

Deswegen finde ich den Ansatz des „Manifests“ der SPD-Linken Stegner, Mützenich, Walter-Borjans und Anderer richtig. Es bringt nichts, den Kalten Krieg im 21. Jahrhundert neu zu erklären. Es bringt auch nichts, jedem noch so absurden verteidigungspolitischen Ziel hinterher zu rennen.

Wir müssen neue Wege finden. In einer Welt, die politisch, wirtschaftlich und militärisch völlig unübersichtlich geworden ist. Wo das, was gestern noch galt, heute Makulatur sein kann. 

31.5.25

Warum Hass, Aus- und Abgrenzung schlimm sind

Meinen Eltern war Bildung wichtig. 

Sie besuchten mit mir das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Wir wandelten auf Goethes und Schillers Spuren. Wir besuchten den alten Bundestag in Bonn und den neuen Bundestag in Berlin. Als ich das britische Parlament besuchte, begleitete mich mein Vater. Wir besuchten Konrad Adenauers Geburtshaus und das Haus der Geschichte in Bonn. 

Ich bekam Bücher zur deutschen und internationalen Geschichte geschenkt. Mir fehlten die ersten zwei Jahre Geschichte in der Schule durch meinen Umzug von Hessen nach NRW. Später war ich auf den Spuren von Willy Brandt in Lübeck und Bachs Spuren in Leipzig.

Im Religionsunterricht lernten wir über das Judentum und den Islam. Wir wurden aufgeklärt über das Rauchen, über Drogen, über Sekten, über Rechtsextremismus unter Jugendlichen. Im Deutschunterricht lernten wir Goethe, Bertolt Brecht und Thomas Mann kennen, und die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden. 

Deswegen versuche ich, keinen Hass zu empfinden. Auch, wenn ich manchmal einsam und verzweifelt bin.

Ich hasse keine Juden oder Muslime. Ich hasse auch keine Amerikaner wegen Trump, oder Russen wegen Putin. Ich hasse keine Frauen, und hasse niemanden wegen seiner Sexualität oder wegen seines sozialen Status. Ich bin der Meinung, wir sollten Flüchtlinge menschlich behandeln.

Wir sollten stolz sein, dass wir in Deutschland - trotz AfD - ein "Sehnsuchtsort" geworden sind, wie es einmal der ehemalige Außenminister Gabriel formuliert hat. 

Deswegen habe ich auch Magenschmerzen bei der Politik der "geschlossenen Grenzen". Es gilt auf EU-Ebene das "Schengener Abkommen". Das regelt den freien Verkehr von Personen, Dienstleistungen, Waren und Kapital. EU-Recht bricht nationales Recht. Wenn nun alle Binnenstaaten der Union anfangen würden, Grenzkontrollen einzuführen, ist das Abkommen tot.

Dazu sollten wir es nicht kommen lassen.


17.5.25

Warum es „die Mitte“ in der Politik nicht gibt

Alle reden von der „Mitte“. Beziehungsweise, von den „Parteien der politischen Mitte“. In Abgrenzung zu Rechtsaußen und Linksaußen. Aber was ist das eigentlich? Gibt es diese Mitte überhaupt?

Gehen wir in der Zeit zurück. Unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) gab es den Begriff noch nicht.

Das erste Mal, dass „Die Mitte“ als Wahlkampfslogan verwendet wurde, das war unter der Regentschaft von Gerhard Schröder von 1998 bis 2005. Schröders SPD-Kampa hatte den Begriff erfunden. Fortan stand er auch im Hintergrund neben dem SPD-Logo bei Auftritten des damaligen Kanzlers.

Angela Merkel (CDU) übernahm den Begriff dann einfach in ihrer Kanzlerschaft, als sie nach Schröder ins Amt kam. Auch bei ihren Auftritten stand auf der Wand fortan oft dieser Begriff. Irgendwann haben die Medien ihn einfach übernommen.

Im Zuge des Aufstiegs der AfD ist der Begriff erweitert worden. Nun ist von den „Parteien der demokratischen Mitte“ die Rede. Was den Begriff weder präzisiert, noch richtiger macht.

Ich würde folgende Begriffe (deutsch/englisch) verwenden:

Die Union würde ich als „rechts von der Mitte“ (centre-right) bezeichnen.

Die SPD als „links von der Mitte“ (centre-left).

Die Grünen als „ökologisch“ (left wing-ecological).

Die Linke als „linksaußen“ (far-left)

Die AfD als „rechtsaußen (far-right)

Die FDP als „rechtsliberal“ (right wing-liberal)

Das BSW würde ich als „linksnational“ (left wing-nationalist) bezeichnen. Diesen Begriff hat einmal ein Journalist vom „Tagesspiegel“ im TV verwendet. Ich finde ihn passend.

Aber genau „in der Mitte“ steht keine Partei.

Weil es sie nicht gibt.

Fazit: Die "Mitte“ ist ein politischer PR-Gag.