22.10.26

Das „Wir“ gewinnt? Das „Wir“ ist das Problem

Ganz klar, wir haben Probleme in Deutschland. Das will ich gar nicht bestreiten.

Ich bediene mich deshalb mal dieses Claims der „Aktion Mensch“. Denn ich persönlich habe ein Problem mit verschiedenen von unseren „Systemen“ (nach Luhmann). Aber ich finde, eines der Hauptprobleme, das wir haben, wird gar nicht benannt: Wir selbst.

Ich meine damit die Gesellschaft. Wenn man sie überhaupt noch so nennen kann.

Vor 15, 20 Jahren gab es eine große, öffentliche Diskussion über „Parallelgesellschaften“. Damit meinte man damals muslimische Einwanderer, die an der deutschen Gesellschaft vorbei lebten. In der Folge erschien auch Thilo Sarrazins Pamphlet „Deutschland schafft sich ab“.

Mittlerweile habe ich einen anderen Eindruck. „Die“ Gesellschaft – und da hat sich Margaret Thatcher Jahre nach ihrem Tod leider Gottes durchgesetzt – gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Parallelgesellschaften. Mikrokosmen. Teil-“Systeme“ (wieder nach Luhmann). Oder „bubbles“, Filterblasen, Echokammern.

Bundespräsident Steinmeier hat ein Buch mit dem Titel „Wir“ veröffentlicht. Er will damit an den gesellschaftlichen Zusammenhalt appellieren. Nur leider schafft es nicht einmal seine Regierung, zusammen zu halten.

Das Problem sind nicht mehr nur Migranten, die an unserem Gesamtsystem vorbei leben. Ich nehme mich da gar nicht aus: Der Zusammenhalt ist weg. Es ist der Ton unter den Menschen, das Desinteresse aneinander. Die Achtlosigkeit, die Ignoranz. Man muss nur einmal die Rede eines beliebigen AfD-Politikers bei Bundestagsdebatten verfolgen.

Klar, sprechen auch Politiker manchmal richtige Dinge an. Ja, die deutsche Bürokratie zum Beispiel. Die ist ein Problem. Das will ich gerne, auch aus eigener Erfahrung, zugestehen. Aber es sind Menschen, die diese Bürokratie menschlich gestalten können. Wenn sie es denn täten.

Ich will mal ein Beispiel nennen. Neulich saß der ehemalige SPD-Vorsitzende Gabriel bei „Markus Lanz“ im ZDF und lästerte über die von seiner Partei durchgesetzte Zuckersteuer. Dafür müsse man wieder 1000 neue Beamte einstellen, das gehe an der Realität vorbei. Ich persönlich bin für die Zuckersteuer. Die gibt es in anderen Ländern auch schon. Aber wenn ich wie Gabriel in drei Aufsichtsräten führender Unternehmen säße, würde ich auch so reden.

Das „Ich“ gewinnt.

Wenn ich an die 1990er-Jahre und meine Schulzeit zurück denke, erfasste mich schon damals das kalte Grauen. Dass so die Zukunft unseres Landes sein sollte. Es war schon damals, auf dem Gymnasium, mehr ein Gegen- als ein Miteinander. Das Ruhrgebiet, in dem ich lebte, ist erst wirtschaftlich, dann sozial, und jetzt auch noch politisch - zumindest in Teilen – gekippt.

Aber ich will nicht so ganz pessimistisch enden. Irgendwann werden die Menschen merken, dass es schöner ist, sich zu unterhalten, statt WhatsApp-Nachrichten zu versenden. Irgendwann wird es wieder schick, Bücher zu lesen statt E-Books. Irgendwann werden die Menschen merken, dass extreme Parteien keine Antworten haben. Irgendwann wird es eine progressive Mehrheit in der Politik geben.

Wie gesagt – irgendwann.


 

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