30.11.23

Childhood Memories: Als wir Privatfernsehen kriegten

Im Frühjahr 1988 – da war ich sieben Jahre alt – kündigten die Zeitungen bei uns in NRW eine Revolution an.

Es sollte bald mehr TV-Sender geben. Diejenigen, die bereits verkabelt waren, kannten das schon länger. Aber wir hatten, wie die meisten Deutschen damals, nur Antennenfernsehen.

Ich war mit meiner Mutter und meiner Schwester auf Besuch bei meiner Oma in Norddeutschland. Und konnte es gar nicht erwarten, wieder daheim zu sein. Denn dann würden, so war es angekündigt worden, RTLplus und SAT.1 bei uns empfangbar sein.

Zu Hause angekommen, warnte mich mein Vater gleich vor, nicht enttäuscht zu sein. Ich eilte zu unserem, bereits damals antiquierten, Fernseher und schaltete gespannt ein.

Und was musste ich sehen?

SAT.1 war bei uns nur schwach und völlig verrauscht zu sehen. Dabei lief hier „Raumschiff Enterprise“, eine meiner Lieblingsserien (später entdeckte ich dann noch „Ein Duke kommt selten allein“, was mir auch sehr gefiel).

RTLplus war zwar klar zu empfangen. Doch dort lief ein Heimatfilm mit Roy Black.

Nichts für einen Siebenjährigen.

Ich war enttäuscht.

Erst später lernte ich die neue TV-Vielfalt zu genießen. Wir hatten eine „Kinderfrau“, die nach der Grundschule auf uns aufpasste. Diese ließ uns, solange meine Mutter nicht zu Hause war, Fernsehen.

Aber nur heimlich.

Sie ermahnte uns, es auch nicht unserer Mutter zu erzählen. Sobald sich die Tür öffnete, schaltete ich schnell aus. Meist merkte es meine Mutter doch. Denn die Röhrenfernseher – für die Jüngeren: Googlen! - wurden im Betrieb schnell warm bis heiß. Und das verriet meinen illegalen TV-Konsum.

Das schlechte Gewissen verfolgte mich, bis ich volljährig war.

Als ich dann, mit 18, endlich MTV hatte, glotzte ich ein Jahr lang erst mal nur Musikvideos.

Ich hatte schließlich `was nachzuholen…;-) 

29.11.23

Deutsche Bahn: Warum der Vorstoß des Bundeskartellamts sinnvoll ist

Die Deutschen sind unzufrieden mit der Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Sauberkeit der DB. Auch die Zahlen geben das wieder: Weniger als 60 Prozent der ICE- und IC-Züge haben im Oktober ihr Ziel im Zeitrahmen erreicht (laut manager-magazin.de).

Im Januar dieses Jahres waren es immerhin noch über 70 Prozent.

Ich fahre gerne mit der Bahn und ihren Mitbewerbern. Allerdings sind beide meist überfüllt und unpünktlich. Neulich wollte ich von Düsseldorf nach Köln kommen. Es gelang mir erst, nachdem ich einen voll besetzten Rhein-Ruhr-Express (der übrigens von einem Bahn-Mitbewerber betrieben wird!) wieder verlassen musste, und auch der nächste Zug auf sich warten ließ.

Spaß und Entspannung bietet Bahnfahren in Deutschland oft nicht. Aber es ist klimapolitisch sinnvoll und erwünscht.

Deshalb muss sich etwas ändern. Das Kartellamt hat hierzu Vorschläge gemacht.

Das Schienennetz soll der DB weggenommen, und in eine eigene, „gemeinwohlorientierte“ Gesellschaft ausgegliedert werden. Das soll für besseren Service, und mehr Wettbewerb, auf der Schiene sorgen. Damit auch irgendwann, nicht erst 2050 oder noch später, der „DeutschlandTakt“ kommen kann.

Den Weg einer vollständigen Privatisierung, Deregulierung und Zerschlagung des Schienenverkehrs wie im Mutterland der Eisenbahn, Großbritannien, wird man hierzulande nicht gehen. Denn den bereut man dort inzwischen. Ich vermute, auch die Bahnprivatisierung seit 1994 würde man heute in der Form nicht mehr machen. Aber das ist vergossene Milch.

Wie auch immer - der DB und dem deutschen Staat werden diese Vorschläge nicht schmecken.

Aber der Plan des Bundeskartellamts ist besser, als alles so zu lassen, wie es derzeit ist.


(ERGÄNZUNG, 9.12.2023: Diese Woche sah ich im SWR eine Diskussion zum Zustand der Bahn. Darin sagte der Autor Arno Luik etwas Bemerkenswertes: Die DB habe 35 Milliarden Euro Schulden angehäuft und sei „praktisch bankrott“.

Wie soll mit so einer Bahn die Verkehrswende gelingen?

Ein anderer Gast kritisierte die von mir oben so gelobte Ausgliederung des Bahnnetzes. 

Der Bahnbeauftragte von der FDP dagegen lobte die geplanten Reformen.

Ein Konsens ist in Deutschland auch in Sachen Bahn und Klima nicht zu erkennen.

Eigentlich traurig.

ERGÄNZUNG, 22.12.2023: Die Franzosen, Belgier, Österreicher oder Schweizer - also unsere Nachbarn - kämen niemals auf die Idee, ihre Bahn zu privatisieren...denkt euch euren Teil.

ERGÄNZUNG: 7.2.24: Noch ein paar Gedanken zur Bahnreform: 

Wenn man wirklich funktionierenden Wettbewerb auf der Schiene will, dann muss man wohl tatsächlich den Weg Großbritanniens gehen - und die DB zerschlagen. 

Da das aber kein Politiker will - zumal die DB mehrheitlich in Staatsbesitz ist -, reicht wohl auch das Outsourcing des Schienennetzes in eine "gemeinwohlorientierte" Gesellschaft nicht aus, um echten Wettbewerb zu erschaffen.) 


25.11.23

Warum wir uns den Diskurs nicht von den Rechten aufdrängen lassen sollten

Seien wir ehrlich: In der Debatte rund um „irreguläre Migration“ geht es nicht um Geld.

Für den Bundeshaushalt ist es relativ irrelevant, ob Flüchtlinge nach 18 oder erst nach 36 Monaten Leistungen vom Staat erhalten.

Der einzige Grund, warum dieses Thema momentan Politik beherrscht, ist die Angst vor der Stärke der AfD. Da deren Balken im „DeutschlandTrend“ und „Politbarometer“ immer weiter anwächst, bekommen die etablierten Politiker Muffensausen.

Was, wenn die AfD so stark wird, dass man sie – ähnlich wie die PVV in den Niederlanden – bei der Regierungsbildung nicht mehr ignorieren kann? Das wäre für Deutschland, angesichts seiner Geschichte, eine Katastrophe.

Natürlich sind es momentan nur Umfragen. Und jede neue Entwicklung, jede neue Sau, die durchs politische Dorf wandert, kann die Stimmung wieder umschwenken lassen. Das Wahlverhalten der Menschen ist schließlich so volatil geworden, dass auch Umfragen mittlerweile weit von tatsächlichen Wahlergebnissen abweichen können.

Überlassen wir den Rechten nicht das „agenda setting“. Lassen wir uns über die wirklich wichtigen Dinge diskutieren.

Davon gibt es schließlich mehr als genug. 

24.11.23

Who’s to blame, oder: Wer ist schuld an der Misere?

Die Regierung steckt in einer Krise. Deutschland steckt in einer Krise. Und, vielleicht am Schlimmsten: Die Fußball-Nationalmannschaft der Männer steckt auch in einer Krise.

Diese Woche sagte mir jemand, momentan „drehen alle am Rad“, wie man hier im Westen so schön sagt. Anders formuliert: Die Menschen gehen auf dem Zahnfleisch.

Was die Menschen umtreibt, habe ich ja an anderer Stelle hier schon beschrieben. Neu an dieser Krise ist das ausgeprägte „Scapegoating“: Man sucht einen Sündenbock für das eigene Leid.

Seien es Juden, Muslime, die „gelblackierten Rotökologen“ in Berlin, oder die verhassten EU-Zentralisten in Brüssel – einer muss ja schuld sein.

Das Heil sehen viele Leute in Deutschland und der EU mittlerweile im Wählen rechter Parteien. Obwohl die außer „Migranten raus“, „Steuern runter“, „raus aus der EU“ und „linksgrünversifftes berlinisches Pack“ nichts Nennenswertes zu sagen haben.

Der Gesellschaftsvertrag, so scheint es mir, muss neu definiert werden. Ein neuer Zusammenhalt muss her. Wo und wie der kommen kann, vermag ich nicht zu sagen.

Aber so, wie es jetzt ist, kann und darf es wohl nicht weitergehen. Hoffentlich wacht bald auch mal der Kanzler auf. 

22.11.23

„Gut“ und „Böse“, „Schwarz“ und „Weiß“ – Wie Medien ticken

Vorweg: Ich äußere mich nicht an dieser Stelle zum Israel-Hamas-Krieg und zum Krieg Russlands gegen die Ukraine.

An dieser Stelle möchte ich lediglich meine Wahrnehmung der medialen Berichterstattung darüber wiedergeben.

Ukraine und Israel sind „gut“. Russland und Hamas/Palästinenser sind „böse“.

Auf diesen Nenner, wenn man es mal ganz schlicht hält, könnte man das Echo in den klassischen Medien in Deutschland in Bezug auf beide Kriege bringen.

Ähnliches konnte man beim Präsidentschaftswahlkampf in Brasilien, beim Duell Bolsonaro (Teufel!) vs. Lula (Gott!), beobachten. Beim US-Duell Trump vs. Biden sowieso.

Unabhängig davon, wie man zu diesen Kriegen und Personen steht:

Ist es ein Wunder, dass beispielsweise viele Palästinenser- und Hamas-Anhänger die Sozialen Medien fluten mit ihren Botschaften? Warum tun sie das?

Weil sie in den klassischen Medien des Westens kein Gehör finden.

Ähnlich war es mit den Trump- und Bolsonaro-Anhängern in den USA und Brasilien. Sie wurden aufgestachelt durch Soziale Medien. Die klassischen Medien hatten ihr Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Schema heraus gezogen, und danach die Welt eingeteilt. 

Das soll jetzt keinerlei Rechtfertigung für Demokratieverachter sein.

Aber es herrscht offenbar eine Diskrepanz zwischen der öffentlich geäußerten, und online geäußerten Meinung.

Das sieht man auch am derzeitigen Umfrageerfolg der AfD. Auch deren Anhänger fluten die Sozialen Medien mit Botschaften, weil sie in den klassischen Medien schlecht wegkommen.

Was man aus diese besorgniserregenden Entwicklung lernen kann? Offen gesagt, ich weiß es nicht.

An einer stärkeren Regulierung von Social Media, und auch von KI, wird wohl kein Weg vorbei führen.

Will man nicht noch mehr Polarisierung.

(ERGÄNZUNG, 20.01.24: Mein letzter Satz wird von der automatischen Übersetzung ins Englische falsch verstanden. Korrekt ist es keine Frage, sondern es muss heißen: "Man muss Social Media und AI mehr regulieren, wenn man nicht noch mehr Polarisierung will.")

17.11.23

Warum auch Nicht-Arbeiterkinder vom Impostor-Syndrom betroffen sein können

Ich bin kein Arbeiterkind. Meine Eltern hatten beide studiert.

Dennoch kenne ich ebenso das Gefühl, nicht genug zu leisten, und nicht genug Background zu haben.

Gerade habe ich einen entsprechenden Artikel auf "sueddeutsche.de" gelesen. Und mich in Vielem wiedergefunden.

Denn ich ging auf ein Gymnasium in einem reichen Stadtteil. Wir wohnten in einem Eigenheim, hatten immer genug zu Essen, fuhren ein- bis zweimal im Jahr in den Urlaub.

Das hatte ich.

Aber meine Mitschüler waren teils noch viel reicher. 

Sie kamen aus großbürgerlichen Elternhäusern, hatten teilweise mit 18, mit Erwerb des Führerscheins, bereits ihren Alfa Romeo vor der Tür stehen.

Das hatte ich nicht. 

Als ich mein Studium beendet hatte, bevor die Pflege meines Vaters begann, durchforstete ich erste Stellenanzeigen. Und fand eine der größten und bekanntesten deutschen Fluglinie in Frankfurt am Main.

Als Anforderung an den Bewerber stand darin: "Interkulturelle Kompetenz". Ich zeigte sie meinem Vater. Er las sie durch und kommentierte, früher habe man eine solche Anforderung an Vorstandsvorsitzende gestellt.

Und nicht an Berufsanfänger.

Da wusste ich, dass ich es schwer haben würde. Und damit sind wir wieder am Anfang dieses Beitrags.   

16.11.23

Das Bundesverfassungsgericht und seine Entscheidung zum Haushalt

Das BVerfG hat den Haushalt 2021 der „Ampel“ rückwirkend für verfassungswidrig erklärt.

Konkret geht es um Corona-Milliarden, die eingeplant waren, und für den Klimaschutz umgeschichtet werden sollten. Hintergrund ist offenbar – mal wieder – die im Grundgesetz festgeschriebene Schuldenbremse.

Finanzminister Lindner und die Regierung haben jetzt ein Problem.

Nun, ich bin Politologe, kein Jurist. Ich halte dieses Urteil trotzdem für fatal. Es ist meiner Meinung nach nicht Aufgabe des BVerfG (der Judikative), über die Haushaltspolitik der Regierung (der Exekutive) zu bestimmen. Und diese entweder gutzuheißen, oder, wie in diesem Fall, zu kippen.

Der Etat ist einzig und allein Aufgabe der Bundesregierung.

Das Problem ist – mal wieder – die Schuldenbremse in der Verfassung. Die hat die FDP immer befürwortet. Das fällt ihrem Minister jetzt vor die Füße.

POLEMIK: Demnächst sollte man einzelne Entscheidungen der Regierung automatisch vom Bundesverfassungsgericht absegnen lassen. Dann entfällt auch der obligatorische „Gang nach Karlsruhe“. Oder, am Besten, gleich den Haushalt von den Verfassungsrichtern erstellen lassen. POLEMIK ENDE.

(ERGÄNZUNG, 29.11.23: Den Haushalt legt natürlich die jeweilige Bundesregierung, die Exekutive, vor. Aber das Recht, ihn zu verabschieden, liegt natürlich beim Parlament, der Legislative.)

13.11.23

Dialekte und Regionen, oder: Klischee und Wirklichkeit

Ich komme gerade zurück von einem Trip in die Metropolregion Halle/Leipzig.

Einer Region, in der ich – Asche über mein Haupt – noch nie war.

Dabei habe ich viel über das Verhältnis West-Ost nachgedacht. Und in Vorbereitung den derzeitigen Bestseller des Leipziger Professors Dirk Oschmann gelesen.

Auch über meine derzeitige Heimat, das Ruhrgebiet, habe ich nachgedacht. Vor langer Zeit fand ich in der Satirezeitschrift „Titanic“ einmal einen klischeebehafteten Artikel über die fiktive Ruhrpott-Figur „Jupp Pumpel“. Einem leicht debilen Männchen natürlich (!) aus Duisburg, das natürlich (!) ständig „datt“ und „watt“ sagt und natürlich (!) SPD-Mitglied ist.

So stellt man sich den Ruhrgebietsmenschen bei der „Titanic“ (die übrigens mal wieder kurz vor der Pleite stand) wohl vor. An deren Redaktionshaus ich übrigens immer vorbeikam, wenn ich zur Frankfurter Uni fuhr.

Aber zum schönen Stichwort Dialekt.

Ich erinnere mich gut, dass meine männlichen Mitschüler im Ruhrgebiet immer von ihrer „Perle“ sprachen, wenn sie ihre Freundin meinten. Das klang sympathisch, war mir jedoch auch etwas fremd. Denn ich hatte keine Freundin und liebe Dialekte, habe aber nur hochdeutsch sprechen gelernt.

Das war kein Ausdruck von Hochnäsigkeit oder Arroganz.

Mein - im Großraum Hannover geborener - Vater sprach null Dialekt. Mit seiner Mutter sprach er, imitierend, rheinisch. Auch er hatte Ausdrucksweisen, die mir fremd waren. So sagte er etwa: „Paaff Deine Sachen nicht so in den Schrank“, wenn er meinte, ich solle etwas ordentlicher sein. (Kommt das aus Niedersachsen oder aus dem Rheinland? Ich habe keine Ahnung.)

Meine Mutter sprach zwar ebenso hochdeutsch. Sie konnte aber auch ostfriesisches Platt reden, wenn sie mit ihren Bekannten am Telefon sprach. Da verstand ich kein Wort.

Meine eine, die rheinische, Oma sprach von „Ascheimer“, wenn sie den Mülleimer meinte. Und fragte „bisse jeck?“, wenn sie „bist du verrückt?“ meinte.

Meine andere, die norddeutsche, Oma sagte „kleen“, wenn sie „verschütten“ meinte. Und nannte mich „lüttje Kerlke“ als Kind.

Als ich in Hessen wohnte, erwischte ich mich tatsächlich manchmal dabei, „net“ statt „nicht“ zu sagen.

Zurück zum Ruhrgebiets-Deutsch.

Irgendwo, auf einer dieser Karriereseiten im Netz, habe ich mal gelesen, dass der Ruhrgebietsdialekt manche Arbeitgeber außerhalb des Ruhrgebiets angeblich (!) Menschen von der Einstellung abhält. Das teilt das Ruhrgebiet – ebenso angeblich (!) - mit den Sachsen. Womit wir wieder am Anfang wären.

Das zeigt: Gegen Dummheit sind auch Arbeitgeber nicht gefeit. Und man sollte nicht alles glauben, was im Netz steht.

Die Vielfalt unserer Regionen und Dialekte ist schließlich das, was unser Land ausmacht.