25.8.25

ARD-Radios mutieren zum NRW-Lokalfunk

ARD und ZDF geben Millionen Euro für Sportrechte aus. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sollen aber sparen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten müssen sogar sparen. Das gibt ihnen die Politik vor.

Am Sport soll nicht gespart werden. Sport ist Quotenbringer und somit einer von weniger werdenden Gründen für den Erhalt der Öffis.

Deshalb wird woanders gekürzt. Unter Anderem in meinem Lieblingsmedium Radio.

Das ARD-Abendprogramm kommt auf vielen Wellen nun zentral vom mdr und SWR. Um Eigenständigkeit vorzutäuschen, werden darin die regionalen ARD-Jingles zentral „abgefeuert“. Damit Otto-Normalhörer nicht merkt, dass „sein“ WDR 2, NDR 2 oder bremen vier momentan gar nicht sendet.

Es ist das gleiche Prinzip wie beim NRW-Lokalfunk. Dort werden seit jeher lokale Jingles zentral aus Oberhausen „abgefeuert“. Das macht das Moderationspult zum Schaltpult. Es macht die Seele des Mediums Radio kaputt. Und niemand – möglichst niemand – soll es merken.

Früher gab’s auf hr3 Abends Spezialsendungen und Samstags das „Ausgehspiel“. WDR 2 sendete unter der Woche Kabarett, später Musikspecials; Samstags „Yesterday – Die Oldieshow“. NDR 2 hatte den „Club“ und den „Club nach Zehn“ mit Schmusimusi. Bayern 3 sendete „Nightlife“.

Alles Sendungen, die ich gerne hörte. Alles Vergangenheit. Jetzt gibt’s Einheitsfunk.

Die Popwellen senden „Pop - Die Abendshow“ von SWR3. Die Oldiewellen senden den „ARD-Abend“ aus den mdr-Landesfunkhäusern. SWR1, hr1 und bremen eins strahlen den „Musikclub“ aus Stuttgart aus. Immerhin, das ist noch eine hörenswerte Sendung. Nur der stark unter Konkurrenzdruck sendende rbb und der BR halten sich aus dem Einheitsmantel raus - noch.

Im ARD-Nachtprogramm hat sich auch viel verändert. In der „ARD-Popnacht“ wechselte die gebende Rundfunkanstalt jede Nacht. Montags kam sie vom SFB, dienstags vom WDR...und so weiter.

Mittlerweile ist auch nachts Ödnis angesagt. Pop kommt vom SWR. Oldies vom mdr, Klassik vom BR. Was Vielfalt vorgaukelt, wo nur noch Einfalt besteht.

Schade.

6.8.25

Warum ich auf unsere liberale Demokratie stolz bin

Als in Köln – meinem Wohnort – die Ehrenfelder Moschee gebaut wurde, gab es naturgemäß Diskussionen. Sowohl in der Politik, als auch in den Medien. Nach ihrer Fertigstellung stellte sich der ZDF-heute-show-Comedian Abdelkarim mit Kamera und Mikrofon vor die Moschee und fragte deutsche Passanten, ob sie, nun ja, etwas gegen dieses Bauwerk haben.

Ich erinnere mich, dass eine Ur-Kölnerin ihm ins Mikrofon sagte: „Nee, datt stört misch nit. Sie haben ja och nix jejen unsere Kirchen, oder?“ Was Abdelkarim natürlich verneinte.

Die „Grünen“ stellen für die kommende Kommunalwahl eine türkischstämmige Bewerberin auf. Wenn ich an der örtlichen Synagoge vorbei fahre, sehe ich niedergelegte Blumen und ein großes Plakat „Bring them home now!“ in Erinnerung an den 7. Oktober 2023.

Mein Vater war als guter Katholik erzogen worden, war Messdiener in seiner Gemeinde gewesen. Er ging schon lange nicht mehr regelmäßig in die Kirche. Mehrfach hörte ich ihn als Kind schimpfen: „So jemand wie Herr Meißner im liberalen Köln.“  

Meine Mutter war protestantisch-calvinistisch erzogen worden. Aber auch sie war nicht dogmatisch. Wir Kinder erhielten – das war der klassische Post-68er-Kompromiss meiner Eltern – ihre Religion. 

Sie unterrichtete als Lehrerin an einer Schule im Essener Norden. Einem, wie man heute sagt, „sozialen Brennpunkt“. Dort wurden natürlich auch die muslimischen Feste wie das Zuckerfest begangen. Einmal erzählte sie von einem Besuch ihrer Klasse in der örtlichen Moschee. Lachend erwähnte sie, dass die Kinder beim Ruf des Muezzin laut lachen mussten. Das Zusammenleben der Kulturen funktionierte auch im schwierigen Essener Norden weitgehend.

Back to history. Einmal las ich in einem Buch einen veröffentlichten US-Geheimbericht von Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre. Darin wurden die Studentenproteste und deren Parolen wie „Ami Go Home!“ oder „USA aus Vietnam raus!“ thematisiert.

Der Bericht war entspannt. Man solle die junge Generation in Deutschland protestieren lassen. Sie realisiere langsam, welche Verbrechen ihre Elterngeneration begangen habe und sei empört. Das sei ein normaler, demokratisierender Vorgang. Man müsse sich in den USA um Deutschland trotz antiamerikanischer Töne keine Sorgen machen. Das werde sich schon geben. 

3.8.25

"Rein in die Kartoffel, raus aus die Kartoffel"

Ich mache mir zunehmend Sorgen um die Problemlösungskompetenz der Politik. Dafür möchte ich vier Beispiele nennen.

Erstens: Bildung. 

Nach den diversen PISA-Schocks suchte die Politik nach Lösungen. Schon einmal habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass die größte Konsequenz dieser Lösungssuche die Verkürzung der Schulzeit war (Stichwort G8). Wobei in den ostdeutschen Bundesländern nichts geändert werden musste, denn die haben seit jeher das Abitur in zwölf Jahren.

Das aber führte im Dickicht der Interessen zu derartigen Verwerfungen, dass nun unter Anderem mein Bundesland NRW mittlerweile wieder zum G9 zurück gekehrt ist. Die PISA-Ergebnisse sind aber immer noch schlecht. Lösungsansätze? Fehlanzeige.

Zweitens: Wehrpflicht.

Im Zuge des Ukrainekriegs ist die Wiedereinführung der Wehrpflicht wieder in aller Munde. Sie wurde eigentlich vor knapp fünfzehn Jahren abgeschafft. 

Der Wehrdienst war damals nur mehr ein Gerippe, weil er immer weiter verkürzt wurde. Soweit ich weiß, waren es zuletzt noch neun Monate Pflichtzeit bei der Bundeswehr. Ich selbst musste - von 2000 bis 2001 - noch elf Monate Zivildienst leisten, der Wehrdienst dauerte dann immer schon einen Monat kürzer. Die Dienstpflicht galt somit irgendwann als nicht mehr zeitgemäß.

Das wollen wir wirklich wieder haben?

Drittens: Teilzeitarbeit.

Es war jahrelang das Ziel der Politik, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dafür wurde und wird die Kinderbetreuung ausgebaut. Und es erging der Appell an die Arbeitgeber, mehr Teilzeitarbeit zu schaffen. Was zunehmend auch gelingt. Immer mehr Frauen lassen ihre Kinder betreuen und arbeiten (zumindest) in Teilzeit. 

Das verringert natürlich die Durchschnittszahl der geleisteten Wochen-, Monats- und Jahresarbeitszeit. Jetzt kommt der Herr Linnemann (CDU) und sagt dazu "Rolle rückwärts". Wir arbeiten in Deutschland angeblich zu wenig, im europäischen Vergleich. Wir sollen wieder mehr arbeiten. Dass das größtenteils an jener Frauenerwerbsbeteiligung durch Teilzeit liegt, scheint er nicht zu verstehen.

Viertens: Atomkraft.

Wenn man der AfD glaubt - was ich nicht tue -, sollten wir schnellstens alle abgeschalteten Kernkraftwerke wieder ans Netz bringen und möglichst Neue bauen. Dabei hat die Kernkraft in ihrer Endphase zum Energiemix nur noch rund sieben Prozent beigetragen. Sie hatte also kaum noch Stellenwert. Ganz abgesehen von dem Raus-Rein-Raus-aus-der-Kernenergie vor und nach Fukushima, wovon ich hier schon einmal schrieb.

Fazit:

"Rein in die Kartoffel, raus aus die Kartoffel" scheint ein gängiges Motto in der Politik zu sein.

18.7.25

Wo ich mich geirrt habe

Ich habe nicht damit gerechnet, dass Friedrich Merz doch noch einmal Kanzler wird. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass es zu einer erneuten Großen Koalition kommt.

Diese Regierungskonstellation hatten wir in den letzten 20 Jahren zwölf Jahre lang. Als Angela Merkel 2021 abtrat, galt das Parteienbündnis eigentlich als abgewirtschaftet.

Dann aber folgte im Februar dieses Jahres der große Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl. Und man muss es so klar sagen: Wer die AfD wählt, wählt die GroKo.

Die „Ampel“ hat sich über viele Details gestritten. Deswegen ist sie vorzeitig gescheitert. Die gescheiterte Richterwahl im Bundestag vergangene Woche zeigt nun aber, dass sich Union und SPD auf vielen Politikfeldern ebenfalls nicht einig sind. 

Bei der „Ampel“ waren die Knackpunkte Soziales, Finanzen und Wirtschaft. Bei der neuen alten GroKo sind es gesellschaftspolitische Themen wie Abtreibung. Die Hetze durch einschlägige soziale wie klassische Medien trägt zusätzlich zur Vergiftung der Stimmung bei.

Ich bleibe bei meiner Aussage, die ich an dieser Stelle schon einmal tätigte. Meine Vermutung ist, dass diese Regierung keine vier Jahre halten wird. Die schnellen Stimmungswechsel in der Bevölkerung und das zunehmende Wechselwählerverhalten werden bald dazu führen, dass es neue Mehrheiten gibt, so prognostiziere ich.

Mal sehen, ob ich damit Recht behalten werde.

13.7.25

1945 – 2025: Achtzig Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus

In diesem Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Ich, als 1980 Geborener, kenne die Zeit aus Erzählungen meiner Lehrer und Verwandten.

Vor 40 Jahren, am 8. Mai 1985, hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor dem Bundestag eine im In- und Ausland sofort allgemein als gültig anerkannte Rede, in der er sagte: „Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit.“

Mein Vater, 1948 geboren, erzählte, wie er als Kind in den 1950er-Jahren auf Trümmergrundstücken spielte. Später hörten sie Elvis Presley, die Beatles und die Rolling Stones, den AFN und BFBS, ließen sich die Haare wachsen, demonstrierten und sorgten dafür, dass sich die junge Bundesrepublik langsam liberalisierte.

Mein erster Englischlehrer auf dem Gymnasium in Hessen erzählte gerne lachend die Geschichte, dass sie als Kinder US-Soldaten um Kaugummi anbettelten mit den Worten: „Have you chewing gum?“ Pädagogisch wertvoll ergänzte er, dass es ja eigentlich „Have you GOT SOME chewing gum for me“ hätte heißen müssen.

Meine Großmutter, auf dem Land in Norddeutschland wohnend, erwähnte, dass die „Kanadier über die Ems geschossen“ hätten. Das fanden meine Eltern immer lustig, weil dort vom Krieg nach ihren Worten ja nicht viel zu merken gewesen sei. 

Meine andere Großmutter war vor den Bomben aus dem Rheinland in den Harz geflüchtet. Sie kehrte erst 1961 nach Hause zurück. 2001 besuchte ich ihre Schwester in den USA. Sie war in den 1950er-Jahren ausgewandert und hatte einen amerikanischen Juden geheiratet. Dessen Familie war naturgemäß nicht eben begeistert, aber das hatte sich bald geklärt.

Im Leistungskurs in der Schule und als Studierender habe ich mich viel mit der Weimarer Republik, ihrem Scheitern, der Zeit von 1933 bis 1939 sowie dem Krieg bis 1945 auseinander gesetzt. Das Grauen, das das „Dritte Reich“ bedeutete, darf meiner Meinung nach nicht nur in Sonntagsreden erinnert werden.

Die Alliierten – Amerikaner, Briten, Franzosen und, ja, auch die Sowjets – waren Befreier. Daraus zu folgern, dass die NS-Zeit nur ein „Vogelschiss“ war, ist geschichtsvergessen und schlicht falsch. Auch, wenn rechte Influencer und Parteien im Internet und auf Märkten andere Dinge behaupten und Einfluss auf junge Menschen nehmen wollen – „Nie wieder ist jetzt!“

Das dürfen wir niemals vergessen.