5.3.26

ARD und ZDF: Was sich ändern wird

In diesem Blog habe ich bereits über kommende Reformen bei den deutschen Öffis geschrieben. Ich habe das Unterhaltungsprogramm von ARD und ZDF kritisiert. Zugleich aber gelobt, dass sie ihrem Informations- und Bildungsauftrag, vor allem in den Spartenprogrammen, nachkommen. 

Ich bedauere, dass so viel Geld in Sportrechte gesteckt wird. Und dass in meinem Lieblingsmedium Radio gekürzt wird. Diese Kürzungen weiten sich nun aus. Die ARD will zu Randzeiten in der Nacht künftig regionale Verkehrsmeldungen von einer Künstlichen Intelligenz vorlesen lassen. Was ich für eine ziemlich dämliche Idee halte.

Die Reform des Medienstaatsvertrags ist mittlerweile von allen Bundesländern abgesegnet worden. Die Pläne beinhalten nicht nur einen Abbau beim Hörfunk. Sondern auch beim Fernsehen wird zukünftig massiv gespart.

Konkret heißt das: Die ARD-Ableger "one" (WDR), "tagesschau24" (NDR/ARD aktuell) und "ARD alpha" (BR) werden eingestellt. Ich persönlich bedauere besonders das Ende von "ARD alpha". Hier sind viele interessante Inhalte zu den Themen Wissenschaft, Studium und (Aus-) Bildung zu sehen. 

Stattdessen soll es ARD/ZDF-Gemeinschaftsprogramme geben. Einen Sender namens "info" und ein junges Format namens "neo". Womit das ZDF seine Spartenkanäle praktisch fortführen kann.

Die Dritten Programme bleiben. Kein Wunder. Sind die regionalen ARD-Sender doch verpflichtet, Informationen aus jedem einzelnen Bundesland zu bringen. Das gefällt den Ministerpräsidenten natürlich. Dabei besteht das Unterhaltungsprogramm in den Dritten meist aus Wiederholungen von Serien wie "In aller Freundschaft", "Sturm der Liebe" und Zoo-Dokus wie "Amöbe, Ameise und co." (Achtung, Satire).

Gerne werden - in Sendungen wie "Wunderschön", "Expedition in die Heimat" oder "Nordtour" - auch die regionalen Sehenswürdigkeiten auf manchmal etwas seichte Art abgefeiert. Auch das sehen die Landespolitiker gerne. Wenn das vermutlich auch kaum jemanden unter 50 Jahren interessiert. 

Fazit: Phoenix, arte und und 3sat werden nicht nicht eingestellt. Das finde ich gut. Der ÖRR-Bildungsauftrag bleibt also gewahrt. Dennoch ist es schade, dass beim Radio nun die KI Einzug hält. 

Und dass es bald keinen Bildungs- und Nachrichtensender mehr gibt. 

 

27.2.26

My daily routine: Wie und wo ich mich informiere

Ich denke, ich sollte mal niederschreiben, woher ich meine täglichen Informationen erhalte.
Morgens checke ich zunächst die Apps der Zeitungen. Für die Informationen "links von der Mitte" lese ich SPIEGEL, DIE ZEIT, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und taz. Für Meinungen "rechts von der Mitte" checke ich FAZ und DIE WELT. Ich habe allerdings nicht für alle Apps ein kostenpflichtiges Abo.
Außerdem schaue ich kurz ins ARD/ZDF-Morgenmagazin hinein. Tagsüber checke ich ntv, WELT und tagesschau24. Wenn Bundestagsdebatten laufen, dann phoenix. Sonntags schaue ich - das ist ein Ritual, das ich von meinem Vater habe - um Punkt 12 Uhr den "Presseclub" im Ersten.
Im Radio höre ich für Infos WDR5, Deutschlandfunk und SWR Aktuell. Wenn ich Musik nach meinem Geschmack konsumieren möchte, höre ich zum Beispiel Schwarzwaldradio, NOSTALGIE, StreamD, Radio MusicStar oder eines der vielen Rockradios, die ich hier in Köln über DAB+ empfangen kann.  
Gehen wir ins Ausland.
Für Musik kann ich BBC Radio 2 empfehlen, hier etwa Sendungen wie "Sounds of the Seventies". Über Satellit höre ich gerne mal bei französischen Jazz-Sendern wie JAZZRADIO oder TSF JAZZ rein, weil ich das Thema gerade im Schlagzeugunterricht durchnehme.
In Sachen Zeitungen ist mein Lieblings-UK-Broadsheet THE GUARDIAN. Aus den Niederlanden gerne VOLKSKRANT, aus Belgien DE MORGEN oder LE SOIR, aus Frankreich LE MONDE. 
Für englischsprachige TV-Nachrichten natürlich BBC NEWS, France 24, CNN. Gerne schaue ich auch den - zum Teil frei empfangbaren - ORF2 aus Wien, dessen Nachrichten ein gutes Komplementär zu deutschen Nachrichten bringt.
So weit dazu. 
 

22.2.26

Lesetipps zur aktuellen Politik

Ich bin regelmäßiger Kunde in meiner örtlichen Stadtbibliothek. Die Möglichkeit, dort Bücher, Magazine und Zeitschriften zu einem günstigen Preis auszuleihen, ist absolut super. Meist lese ich politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Literatur. Gerne auch wissenschaftliche und journalistisch geprägte.

Neulich lieh ich mir das Buch „Demokratie neu denken“ der Politikprofessorin Andrea Römmele aus. Da ich auch Politik studiert habe, fand ich ihren Ansatz, einen positiven Blick in die Zukunft zu werfen, interessant. Viele ihrer Szenarien klingen auch Mut machend, das fand ich ganz gut. Doch ich habe das Buch nach 120 Seiten weg gelegt.

Warum?

Nun, weil das Buch von Frau Prof. Römmele, die es mit Hilfe von Kollegen geschrieben hat, schwere Fehler beinhaltet. Die eigentlich beim Lektorat hätten auffallen müssen.

Auf S. 71 und S. 72 steht beispielsweise das englische Wort „majors“ – Frau Prof. Römmele meint damit das Wort „Bürgermeister“. Die richtige Übersetzung für „Bürgermeister“ ist aber „mayors“.

Außerdem verortet sie die „Riester-Rente“ im Jahr 1992 (S. 106). Tatsächlich wurde diese erst zehn Jahre später eingeführt. Sie schreibt außerdem den Namen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron falsch.

Was Frau Prof. Römmele zum Thema „Demografischer Wandel“ schreibt, ist im Kern belanglos und nachplappernd („wir werden bald eine Rentnerrepublik haben“). Hier empfehle ich stattdessen das gerade neu erschienene Buch „Die erfundene Bedrohung“ von Andreas Hoffmann, der aufzeigt, warum der Sozialstaat – und damit auch die Rente – Zukunft hat.

Was ich sonst noch an Büchern auf dem Nachttisch liegen habe, wollt Ihr wissen?

Nun, ich habe noch das Buch „Machtbeben“ des Investors Dirk Müller vor mir. Und gerne lese ich auch – zur Wiederholung oder Neu-Bildung – die Reihe „xy für Dummies“. Wer keine Ahnung von einem Fachgebiet hat, findet hier meist einen guten Einstieg. 

13.2.26

Die Songs meines Lebens: Bläck Fööss und BAP - Dovun dräum ich sulang (1989)

Ich wohne jetzt seit etwas über einem Jahr in Köln. Aber die Musik kölscher Bands begleitet mich schon ein Leben lang. Jetzt ist Karneval, und ich dachte, ich schreib' mal darüber.

Mein Vater besaß viele Bläck-Fööss- und BAP-Platten. Im Jahr 1989 trafen beide Bands im Millowitsch-Theater (das es heute nicht mehr gibt) aufeinander. Daraus wurde ein EMI-Album unter dem Titel "Bläck Fööss und Fründe" produziert.

Vor allem der letzte Titel auf der ersten Seite der LP gefiel mir. Günter "Bömmel" Lückerath singt, was er sonst selten tat, und dazu spielt Klaus Heuser von BAP auf der E-Gitarre ein Solo zum Niederknien.

Es geht in dem Song um einen Menschen, der auf dem Klo singt, Lieder komponiert und vom großen Durchbruch träumt. Regelmäßig tritt er beim Talentwettbewerb im Rheinpark auf, und er soll dort schon gar nicht mehr kommen, weil ihm gesagt wird: "Du kommst noch ganz groß raus!"

"Dovun dräum ich sulang" ist ein ironisches Lied, weil man ahnt: Der Mann wird es nie packen. Er wird ein ewiger Träumer vom großen Erfolg bleiben. 

Und der Song passt heute noch mehr in die Zeit als 1989, weil das TV mittlerweile voll ist von Talentshows wie "DSDS" und "The Voice" mit all ihren Möchtegern-Stars. 



9.2.26

Warum ich sportlich eine Null bin

In diesen Tagen erwische ich mich dabei, während der laufenden Olympischen Winterspiele, stundenlang Sportarten wie Eiskunstlauf, Snowboarden oder Frauen-Eishockey zu glotzen. Ich bewundere die Schnee- und Eiskünstler und bin über Lindsay Vonns Sturz entsetzt. 

Dem Eishockey der Männer ist ja nun - Achtung, Ironie - durch die Serie "Heated Rivalry" jeglicher Männlichkeitswahn genommen. Was ich - Achtung, Ernst - überhaupt gut finde.

Eigentlich mache ich mir nichts aus Sport. Aus Wintersport sowieso nicht. Ich kann weder Eis laufen, noch Ski fahren. Auf dem Schlitten rodeln geht gerade noch. Und schier endlose Sportübertragungen zappe ich normalerweise schnell weg. Außer jetzt, bei Olympia.

Schon einmal schrieb ich hier darüber, wie ich früher den Schulsport gehasst habe. Deswegen war ich auch froh, dass es an meiner Schule keine Skifreizeit gab. Wahrscheinlich hätte ich mir alle Knochen gebrochen.

Nun müsste ich eigentlich abnehmen. Das haben mir bereits mehrere Ärzte bescheinigt. Der beste Weg dahin ist Bewegung. Doch sobald ich mich einer Sporthalle mit Fußballtoren, Basketballkörben und Kletterwand auch nur nähere, löst das bei mir Fluchtreflexe aus. 

Die Gnaden-Vier auf dem Abiturzeugnis in Sport hängt mir bis heute nach. Wenn ich an Sportvereine denke (hier schreibt der Sozialwissenschaftler in mir), denke ich an Vereinssitzungen mit Vorstand, Beisitzer, Schriftführer und Kassenwart. Diese meine Abneigung gegen das Vereinsleben ist natürlich Blödsinn, wenn man sich bewegen will, und unter Leute kommen will.

Vielleicht schaffe ich es doch noch einmal, über meinen Schatten zu springen? Wir werden sehen.

21.1.26

USA, Deutschland und Europa: Blick in die Zeitgeschichte

Angesichts der derzeitigen Spannungen zwischen den USA und Europa möchte ich aus dem Gedächtnis einmal einen historischen Vergleich ziehen. So gut ich es kann.

Gehen wir zunächst zurück in die 1970er-Jahre.

1976 wurde der liberale Demokrat Jimmy Carter zum US-Präsidenten gewählt. Carter versprach seinem Volk, er werde es nicht belügen. Das war eine Reaktion auf den verlorenen Vietnam-Krieg und den Rücktritt des Republikaners Richard Nixon im Jahr 1974 infolge des Watergate-Skandals. Zwischen 1974 und 1976 folgte die kurze Amtszeit von Gerald Ford, der zuvor Vizepräsident unter Nixon gewesen war. Einmal las ich eines der vielen Bücher des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD), in welchem dieser bekannte, von den vier US-Präsidenten, die er erlebt habe, habe er sich mit Gerald Ford am Besten verstanden. Doch Ford verlor die Wahl 1976, weil die US-Wähler von den Republikanern die Nase voll hatten.

In die Amtszeit von Jimmy Carter (1977 bis 1981) fiel der Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten. Doch trotzdem wurde er 1980 nicht wiedergewählt. Der Grund dafür war hauptsächlich der Umsturz im Iran 1979 und die Ereignisse rund um die US-Botschaft. Carter galt als zu „weich“ und innen- wie außenpolitisch als gescheitert. Gegen den ehemaligen Schauspieler Ronald Reagan hatte er keine Chance. Auch Helmut Schmidt ließ im Nachhinein kein gutes Haar an Carter, auch ihm war der Demokrat zu „weich“.

Carters Nachfolger Ronald Reagan regierte von 1981 bis 1989. Seine Amtszeit markiert meiner Meinung nach die erste große Zäsur in der Nachkriegsgeschichte zwischen den USA und Europa. Militärisch (Stichwort „SDI“) und wirtschaftlich (Stichwort „Reaganomics“) legte er die Grundlagen für die politischen Positionen und den heutigen Zustand der US-Republikaner. Er wurde mit einer überwältigenden Mehrheit wiedergewählt. Lediglich Washington D. C. und Minnesota stimmten 1984 für den Demokraten Walter Mondale, der damals übrigens – auch das war ein Novum in der US-Geschichte – mit einer Frau als Vizepräsidentschaftskandidatin antrat. Aber das ist nur eine Fußnote.

Vom „Kalten Krieger“ wandelte sich Reagans Politik dann allerdings in Richtung Versöhnung, als 1985 Michail Gorbatschow sowjetischer Staats- und Parteichef wurde. Dieser setzte auf Abrüstung und Entspannung. Das registrierte man auch in Washington. Als zwischen 1989 und 1991 die „Wende“ in Osteuropa einsetzte, war allerdings schon Reagans Vize George H. W. Bush US-Präsident geworden.

An dieser Stelle möchte ich einen Zeitsprung zur Präsidentschaft von George W. Bush Junior machen, der die USA von 2001 bis 2009 regierte.

Meiner Meinung nach machte darin der Wandel der US-Republikaner hin zum Autoritarismus den zweiten, großen Schritt nach Ronald Reagan. Die Europäer erinnern sich noch an die Worte von Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der die kritischen Stimmen aus Europa zum zweiten Irakkrieg in den 2000er-Jahren als Stimmen aus „Old Europe“ abtat. Und die Deutschen erinnern sich an die Worte des damaligen deutschen Außenministers Fischer (Grüne), der Rumsfeld zum Irakkrieg auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Worte „Excuse me, I am not convinced“ entgegen schleuderte. Bereits hier deutete sich ein riesiger Bruch der Nachkriegsordnung an, der sich unter Donald Trump heute finalisiert.

Der Demokrat Barack Obama, der 2009 bis 2017 zwischen George W. Bush und Donald Trump regierte, war dagegen in Deutschland und Europa sehr populär. Nicht nur, weil er liberal und der erste schwarze US-Präsident war. Sondern, weil man in Europa glaubte, das Verhältnis zu den USA habe sich nun dauerhaft wieder normalisiert.

Was ein Irrtum war. 

17.1.26

Bin ich ein dicker, alter, weißer, deutscher Mann?

Als ich jung war - nun, das ist schon ein paar Jahre her -, hielt ich mich für einen aufgeklärten, liberalen, unternehmungslustigen Kerl. Humor unterstellt man mir in Deutschland zudem allein schon deshalb, weil ich aus dem Rheinland komme.

Allerdings merke ich, wenn ich Menschen aus anderen Ländern treffe, dass ich schon sehr, sehr deutsch bin.

Ich stehe auf Pünktlichkeit, Korrektheit, Bildung, eine korrekte Ausdrucksweise und all diese anderen Klischees, die man im Ausland uns Deutschen unterstellt.

Ich bin gerne in anderen Ländern unterwegs. Und habe gemerkt, dass ich dort oft nur nach meiner Herkunft beurteilt werde. Wie muss es da erst Flüchtlingen gehen, die zu uns nach Europa und Deutschland kommen?

Andere Menschen in meinem Alter, die ähnlich sind wie ich, würden jetzt wohl aus Protest rechts wählen. Das tue ich nicht, weil IMHO Nationalismus und Faschismus nur Tod und Verderben bringen.

Jede Generation will alles anders machen als die vor ihr, will sich abgrenzen von den Älteren. Das ist normal, das war bei mir auch so. 

Deswegen nehme ich es Jüngeren nicht übel, wenn "woke", aufgeklärte, junge Menschen im Jahr 2026 mich lediglich für einen dicken, alten, weißen Mann von gestern halten. 

Ich bin damit "fine" - weil es stimmt. Aber, wie gesagt - die AfD wähle ich deshalb nicht.



21.12.25

Helmut Kohl, Angela Merkel und der Erfolg des Ungefähren

Die Kanzler Kohl und Merkel (beide CDU) regierten jeweils 16 Jahre lang die Bundesrepublik.

Ich erinnere mich, dass ich einmal mit meinem Vater über die Wirtschaftspolitik Helmut Kohls diskutierte. Ich fragte ihn, welche Ausrichtung Kohls Politik habe. Er antwortete: „Gar keine“.

Kohls christlich-liberale Koalition regierte von 1982 bis 1998. In diese Zeit fielen weltpolitisch die Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses und die Aufrüstung in West und Ost. Aber auch das Ende des Kalten Krieges sowie das Ende der deutschen und europäischen Teilung.

Der Neoliberalismus Reagans und Thatchers war in Deutschland zwar auch, aber im Vergleich nur homöopathisch zu spüren. Ich schrieb hier bereits einmal, dass die wirtschaftsliberalen Maßnahmen der Regierung Schröder (SPD) ab 1998 bereits seit den 1980er-Jahren in den Schubladen von Industrie und Wirtschaft lagen. Sie wären auch viel früher umgesetzt worden, wenn nicht die deutsche Einheit dazwischen gekommen wäre, die massive Investitionen und Ausgaben erforderte.

Schröder (SPD) setzte dann wirtschaftspolitisch das um, wozu sein Vorgänger nicht mehr in der Lage war. In den darauf folgenden 16 Jahren unter Merkel (CDU) ab 2005 – die heute einige zurück sehnen - musste nicht viel agiert werden, weil die Wirtschaft gut lief. Das sieht man unter anderem daran, dass Merkel niemals – und im Gegensatz zu ihrem Vorgänger und Nachfolger – die Vertrauensfrage im Parlament stellen musste.

Heute sind wir in einer Situation, in der eine Regierung wieder unter starkem Handlungsdruck steht. Es wird – von Seiten der Wirtschaft und Industrie - gefordert, Rente, Sozialsystem, Steuern und Gesundheitssystem zu reformieren. Ausgaben zu kürzen. Die Bevölkerung ist zwar ebenfalls mehrheitlich der Meinung, dass Reformen notwendig sind. Aber diese Reformen sind – ähnlich wie die Maßnahmen der „Agenda 2010“ - nicht zum Vorteil aller Bürger.

Zurück zur Überschrift. Der Erfolg Kohls und Merkels gründete unter Anderem darin, dass sie den Wählern das Gefühl gaben, man werde, alles in allem, doch gut regiert und es benötige keinerlei Veränderung an der Spitze. Diese Zeiten sind vorbei. Die demokratischen Parteien sehen sich mit einer wachsenden Herausforderung von rechts konfrontiert, auf die sie bisher keine einstimmige Antwort gefunden haben. Die Mehrheitsverhältnisse sind zunehmend volatil. Der Versuch, „neue“ Regierungskonstellationen zu wagen, ist mit der „Ampel“ gescheitert.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein*e deutsche*r Kanzler*in noch einmal 16 Jahre regiert.

Frohe Weihnachten. 

3.12.25

Wie geht man mit Leuten um, die nicht rational denken, reden und handeln?

Diese Frage stellte ich mir gerade, als ich auf "phoenix" in eine Bundestagsdebatte geriet. Ein AfD-Abgeordneter polterte in Trump'scher Manier gegen vermeintliche Linksextremisten (Antifa etc.).

Gibt es tatsächlich irgendwo in Deutschland Menschen, die bei solchen Reden ihren Bierhumpen daheim auf den Tisch knallen und brüllen: "Jawoll, der Mann hat recht"? Ich dachte, die reaktionären 1950er-Jahre seien vorbei. Aber die Vergangenheit holt uns ein.

AfD-Wähler bewegen sich online in ihren Filterblasen auf Facebook, Instagram, TikTok, Telegram - und was weiß ich, wo. Das ist auch der Grund, warum man sich als denkender Mensch von den so genannten "sozialen Medien" fernhalten sollte. Weil sie von der Verbreitung des Negativen leben. Positive Nachrichten verkaufen sich nicht. Oder, wie mein Vater zu sagen pflegte: "Bad news are good news."

Viele Rechtswähler, egal ob bei uns oder im Ausland, sind mit Argumenten pro-Flüchtlinge, pro-Sozialstaat, pro-Toleranz und pro-Liberalität nicht (mehr) zu erreichen. Sie haben sich in ihrer Bubble wohlig eingerichtet. Sachargumente sind ohnehin nicht das Ding von Rechtsaußen. Rechtsaußen denkt in Parolen und Polemiken, in Hass und Desavouierung der "Gegner". Aber niemals rational.

Dass es auch anders geht, beweist der Sieg von Donald Tusk in Polen und der Erfolg von Rob Jetten mit seinen Linksliberalen in den Niederlanden. Am Beispiel der Niederlande lässt sich auch gut die Irrationalität der Rechten erkennen. Als Geert Wilders realisierte, dass seine Anti-Migrations-Forderungen mit seinen Regierungspartnern nicht umsetzbar waren, ließ er die Regierung kurzerhand mal eben stürzen. Wie unzuverlässig und unberechenbar.

Als Historiker, okay, nur Nebenfach, aber Kenner der europäischen und deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert kann ich nur sagen: Gott bewahre uns davor, dass die AfD jemals in Deutschland irgendeine Form von Macht erhalten wird.

16.11.25

Warum eine Minderheitsregierung ehrlicher wäre

Union und SPD streiten sich auf vielen Politikfeldern. Darin unterscheiden sie sich kaum von der Vorgängerregierung.

Neulich las ich einen Artikel der Journalistin Tina Hildebrandt. Sie spielte darin den Gedanken einer möglichen CDU/CSU-Minderheitsregierung durch. Und riet zugleich dramatisch davon ab.

Warum?

Die Union hat die Bundestagswahl 2025 gewonnen. Die SPD lag bei nicht einmal 17 Prozent und damit hinter der AfD. Ein solches Ergebnis ist normalerweise ein klarer Auftrag - für die Opposition.

Teile der CDU/CSU, ihre Jugend, sind gegen das Rentenpaket, das als Zugeständnis an die SPD gilt. Teile der SPD sind gegen die Verschärfungen bei den Sozialleistungen, die als Zugeständnis an die Union gelten. 

Wenn beide Parteien sich nicht einmal auf derart grundsätzliche Positionen dauerhaft einigen können, sollten sie das mit einer Koalition sein lassen. 

Deutschland hat keine Erfahrungen mit Minderheitsregierungen. In anderen Ländern sind solche Regierungen üblich. Das "Stabilitätsmantra", also dass es in Deutschland mit Rücksicht auf die Wirtschaft und die Rolle in Europa immer eine stabile Regierung braucht, ist unsinnig. 

Soll die Union eine Minderheitsregierung bilden und sich ihre Mehrheiten im Parlament suchen. Dann würde sie merken, dass der Vorsatz "Union pur", wie vor der Wahl versprochen, nicht zu halten ist. Dann wäre der Zwang zum Kompromiss an der Tagesordnung.

Dass eine Partei bei einer bundesweiten Wahl noch einmal mehr als 30 Prozent erhält, ist unwahrscheinlich. Die GroKo ist keine Dauerlösung. 

Irgendwann wird die Union auf Die Grünen und Die Linke zugehen müssen. Irgendwann wird die SPD sich - wie zwischen 1969 und 1982 - für die FDP öffnen müssen, vorausgesetzt, die Partei schafft es wieder in den Bundestag. Und irgendwann werden alle demokratischen Parteien sich mit einem möglichen AfD-Verbot auseinandersetzen müssen. Auch dafür braucht es Kompromisse.

18.9.25

Warum privatwirtschaftliche Medien meist konservativ, öffentliche Medien meist progressiv sind

In den USA wird auf Druck der Trump-Regierung ein weiterer Late-Night-Moderator abgesägt. Jimmy Kimmel von ABC (gehört zu Disney) muss seine Sendung einstellen. Trump jubelt.

Zuvor hatte es bereits Stephen Colbert (CBS, gehört zu Viacom/Paramount) getroffen. Seine Show wird nächstes Jahr abgesetzt.

Ich sehe die USA unter Herrschaft der Republikaner ganz deutlich auf dem Weg in die Diktatur. Warum sich die Demokraten dort nicht entschieden wehren, weiß ich nicht. Die rechte Vorherrschaft in den klassischen wie sozialen Medien dominiert. Die privatwirtschaftlichen Medienkonzerne kuschen vor Trump.

In Deutschland hat der italienische, rechtskonservative Medienkonzern "Media For Europe" von Berlusconi die Mehrheit an ProSiebenSat1 erworben. Ob dort publizistisch ebenso bald ein anderer Wind herrscht, bleibt abzuwarten.

Öffentliche Medien gehören uns dagegen allen. Das gilt für ARD und ZDF bei uns. Auch in den USA gibt es mit PBS und NPR öffentliche Medien. Dort genießen sie jedoch ein Nischendasein. Was sich jetzt, unter dem Autokraten Trump, als Nachteil heraus stellt. Zumal seine Administration die Mittel für PBS und NPR bis an die Schmerzgrenze gekürzt hat.

Rupert Murdochs' Fox News hat den Claim "Fair and Balanced". Wovon in der Realität keine Rede sein kann. Ähnliches droht uns in Deutschland mit "Nius", das bald in mehreren Bundesländern terrestrisch zu empfangen sein wird.

Ich erlebe es beim Vertrieb meiner Zeitung immer wieder, dass die Leute sagen: "Ach, ich lese schon lange keine Zeitung mehr". Oder: "Ihr bekommt doch von Berlin gesagt, was ihr zu berichten habt". 

Um es ganz klar zu sagen: Nein! 

Keine Zeitung in Deutschland, egal ob konservativ oder progressiv, bekommt einen Anruf von der Regierung, was sie zu schreiben hat! Wir sind nicht in der DDR! 

Konzerne, nicht nur Medienkonzerne, wollen Geschäfte machen und Geld verdienen. Das ist in unserer kapitalistischen Gesellschaft legitim. 

Wenn es aber so weit geht, dass deswegen die Demokratie gefährdet wird, muss dem ein entschiedener Riegel vorgeschoben werden. 

Das ist meine dezidierte Meinung.

14.9.25

Das böse "U"-Wort

Es ist bereits länger her, da führte der konservative, CDU-nahe Berliner Historiker Paul Nolte in Bezug auf das TV-Programm der deutschen Privatsender das böse Wort "Unterschichtenfernsehen" ein.

Er meinte damit vor allem das Tagesprogramm von RTL, SAT.1, Pro Sieben, RTL2 und co. mit ihren billig produzierten Scripted-Reality-Serien, mit ihren Laiendarstellern und ihren Pseudo-Dokus.

Satiriker wie Harald Schmidt griffen den Begriff auf. Doch weil man in Deutschland niemanden diskriminieren wollte (was auch ich grundsätzlich für richtig halte), wurde die Diskussion schnell abgewürgt. Und der Begriff verschwand wieder.

Mehr als zehn Jahre später gibt es diese Formate immer noch. Und nicht nur das. Die Liste an Z-Promis, die der Boulevard in TV, Internet und Print feiert, wird immer länger.

Ich bin der Meinung, wir sollten offen diskutieren. Das Niveau in sozialen Medien (die es damals noch nicht gab) wie in den klassischen Medien wird immer schlechter. Die Zuspitzungen, die Provokationen, der Hass sorgen dafür, dass wir mittlerweile eine intellektuelle Unterschicht haben.

Diese "intellektuelle Unterschicht" ist nicht zu verwechseln mit der "finanziellen Unterschicht". Letztere kann für ihre meist prekäre Situation nichts. 

Und, glaubt mir, wie oft ich in der finalen Phase meines Studiums meine Eltern um schnelle Überweisung von ein paar Euro bitten musste, weil ich mir nichts mehr zu essen kaufen konnte.

Ich weiß also, wovon ich rede.

Die intellektuelle Unterschicht ist mittlerweile das viel größere Problem als die finanzielle oder die TV-Unterschicht. 

Deshalb bin ich auch dafür, dass Smartphones an Schulen bis zum 14. oder meinetwegen auch 16. Lebensjahr verboten werden sollen. 

Deshalb bin ich dafür, die großen Monopol-Tech-Konzerne zu zerschlagen (was aber nur eine vernünftige US-Administration angehen könnte, die wir nicht haben).

Deshalb bin ich dafür, dass die demokratischen Parteien TikTok, Instagram und co. mit demokratischem Content fluten, statt mit "Scheiße" (Steve Bannon).

Deshalb bin ich für ein AfD-Verbot.

So. Das war das Wort zum (Wahl-) Sonntag hier bei mir in NRW.

6.9.25

Europas Regierungen im Aufruhr / Europe's governments in turmoil

Die Kriege in der Ukraine und in Gaza beherrschen momentan die Schlagzeilen. Auch US-Präsident Trumps tägliche Manöver dominieren die Medien bis an die Schmerzgrenze. 

Also ist ist es die Zeit für Außen- und Sicherheitspolitiker in Europa. Doch nicht nur bei uns in Deutschland droht eine Regierungskrise. Die Innenpolitik in den europäischen Staaten könnte bald die Oberhand gewinnen. 

Fangen wir mit "uns" an. Es stehen Reformen bei Renten, Bürgergeld und - möglicherweise - auch dem Gesundheitssystem an. Ein eventuelles AfD-Verbot steht auch im Raum. In all diesen Punkten haben Union und SPD fundamental unterschiedliche programmatische Vorstellungen. 

Nach dem Krach um die an der Union gescheiterte Richterwahl und dem Wort "Bullshit" von SPD-Chefin Bas in Sachen Sozialstaat ist zu befürchten, dass es bald Ärger geben wird. Die Zufriedenheit mit der Regierung ist - mal wieder - auf einem Tiefstand. 

Auch in Frankreich droht eine Regierungskrise. Das linke Bündnis unter Führung von "La France insoumise" (Unbeugsames Frankreich) und der rechte "Rassemblement National" werden mit dem zentristischen Premierminister Bayrou im Parlament voraussichtlich das tun, was sie auch schon mit seinem Vorgänger Michel Barnier getan haben: Ihn stürzen. Dann droht Frankreich als internationaler Stabilitätsanker auszufallen.

In Großbritannien bildet Premier Starmer gerade nach einem Ministerinnenrücktritt sein Kabinett um. Labour liegt in den Umfragen weit hinter dem rechten "Reform UK", der Stimmung gegen Migranten macht. Chef von "Reform UK" ist Nigel Farage, der das Land schon mit aus der EU geführt hat (privater Kommentar von mir: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber").

In den Niederlanden regiert nur noch ein Rumpfkabinett, nachdem die rechte PVV von Wilders und der konservative NSC das Vier-Parteien-Bündnis verlassen haben. Ende Oktober gibt es Neuwahlen. Ob es dann wieder eine Regierungsbeteiligung von Wilders geben wird, ist offen. Immerhin hat seine Partei in Umfragen deutlich verloren.

Spanien ist eines der letzten EU-Länder mit sozialdemokratischem Regierungschef. Doch Ministerpräsident Sanchez steht unter starkem Druck der konservativen PP und der rechten Partei Vox. Kurzzeitig, vor etlichen Monaten, hatte sich der Premier aus der Öffentlichkeit zurück gezogen und einen Rücktritt erwogen. Doch er blieb. Ob die PSOE die nächsten Wahlen mit ihren Koalitionspartnern gewinnen wird, ist fraglich.

Polens liberal-konservativer Premier Tusk kann nach der Niederlage seines Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl nun nicht durchregieren. Der neue PiS-Präsident Nawrocki hat angekündigt, noch härter gegen Tusks Regierung vorzugehen. Damit droht auch Polen eine Hängepartie.

Fazit:  

All diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass die innenpolitischen Krisen in den europäischen Staaten die Außenpolitik schon bald verdrängen könnten.

 

3.9.25

Eine Nachricht für Elon M. / A message to Elon M.

Bei WDR online habe ich gelesen, dass Elon Musk sich in den Kölner Kommunalwahlkampf eingemischt hat. Konkret wiederholt er die Behauptung, nur die AfD könne Deutschland retten. 

Und er kritisiert das Fairness- Abkommen, das in Köln seit 1998 besteht. Dies ist ein Abkommen demokratischer Parteien, sich nicht auf Kosten von Minderheiten im Wahlkampf zu profilieren.

Deshalb ergehen hier meine Worte:

Elon M., hands off Cologne and hands off Germany! 

Take your BL**DY cars and go to hell, you F*CK*NG B*ST*RD!

So. Das musste mal gesagt werden.

25.8.25

ARD-Radios mutieren zum NRW-Lokalfunk

ARD und ZDF geben Millionen Euro für Sportrechte aus. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sollen aber sparen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten müssen sogar sparen. Das gibt ihnen die Politik vor.

Am Sport soll nicht gespart werden. Sport ist Quotenbringer und somit einer von weniger werdenden Gründen für den Erhalt der Öffis.

Deshalb wird woanders gekürzt. Unter Anderem in meinem Lieblingsmedium Radio.

Das ARD-Abendprogramm kommt auf vielen Wellen nun zentral vom mdr und SWR. Um Eigenständigkeit vorzutäuschen, werden darin die regionalen ARD-Jingles zentral „abgefeuert“. Damit Otto-Normalhörer nicht merkt, dass „sein“ WDR 2, NDR 2 oder bremen vier momentan gar nicht sendet.

Es ist das gleiche Prinzip wie beim NRW-Lokalfunk. Dort werden seit jeher lokale Jingles zentral aus Oberhausen „abgefeuert“. Das macht das Moderationspult zum Schaltpult. Es macht die Seele des Mediums Radio kaputt. Und niemand – möglichst niemand – soll es merken.

Früher gab’s auf hr3 Abends Spezialsendungen und Samstags das „Ausgehspiel“. WDR 2 sendete unter der Woche Kabarett, später Musikspecials; Samstags „Yesterday – Die Oldieshow“. NDR 2 hatte den „Club“ und den „Club nach Zehn“ mit Schmusimusi. Bayern 3 sendete „Nightlife“.

Alles Sendungen, die ich gerne hörte. Alles Vergangenheit. Jetzt gibt’s Einheitsfunk.

Die Popwellen senden „Pop - Die Abendshow“ von SWR3. Die Oldiewellen senden den „ARD-Abend“ aus den mdr-Landesfunkhäusern. SWR1, hr1 und bremen eins strahlen den „Musikclub“ aus Stuttgart aus. Immerhin, das ist noch eine hörenswerte Sendung. Nur der stark unter Konkurrenzdruck sendende rbb und der BR halten sich aus dem Einheitsmantel raus - noch.

Im ARD-Nachtprogramm hat sich auch viel verändert. In der „ARD-Popnacht“ wechselte die gebende Rundfunkanstalt jede Nacht. Montags kam sie vom SFB, dienstags vom WDR...und so weiter.

Mittlerweile ist auch nachts Ödnis angesagt. Pop kommt vom SWR. Oldies vom mdr, Klassik vom BR. Was Vielfalt vorgaukelt, wo nur noch Einfalt besteht.

Schade.

6.8.25

Warum ich auf unsere liberale Demokratie stolz bin

Als in Köln – meinem Wohnort – die Ehrenfelder Moschee gebaut wurde, gab es naturgemäß Diskussionen. Sowohl in der Politik, als auch in den Medien. Nach ihrer Fertigstellung stellte sich der ZDF-heute-show-Comedian Abdelkarim mit Kamera und Mikrofon vor die Moschee und fragte deutsche Passanten, ob sie, nun ja, etwas gegen dieses Bauwerk haben.

Ich erinnere mich, dass eine Ur-Kölnerin ihm ins Mikrofon sagte: „Nee, datt stört misch nit. Sie haben ja och nix jejen unsere Kirchen, oder?“ Was Abdelkarim natürlich verneinte.

Die „Grünen“ stellen für die kommende Kommunalwahl eine türkischstämmige Bewerberin auf. Wenn ich an der örtlichen Synagoge vorbei fahre, sehe ich niedergelegte Blumen und ein großes Plakat „Bring them home now!“ in Erinnerung an den 7. Oktober 2023.

Mein Vater war als guter Katholik erzogen worden, war Messdiener in seiner Gemeinde gewesen. Er ging schon lange nicht mehr regelmäßig in die Kirche. Mehrfach hörte ich ihn als Kind schimpfen: „So jemand wie Herr Meißner im liberalen Köln.“  

Meine Mutter war protestantisch-calvinistisch erzogen worden. Aber auch sie war nicht dogmatisch. Wir Kinder erhielten – das war der klassische Post-68er-Kompromiss meiner Eltern – ihre Religion. 

Sie unterrichtete als Lehrerin an einer Schule im Essener Norden. Einem, wie man heute sagt, „sozialen Brennpunkt“. Dort wurden natürlich auch die muslimischen Feste wie das Zuckerfest begangen. Einmal erzählte sie von einem Besuch ihrer Klasse in der örtlichen Moschee. Lachend erwähnte sie, dass die Kinder beim Ruf des Muezzin laut lachen mussten. Das Zusammenleben der Kulturen funktionierte auch im schwierigen Essener Norden weitgehend.

Back to history. Einmal las ich in einem Buch einen veröffentlichten US-Geheimbericht von Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre. Darin wurden die Studentenproteste und deren Parolen wie „Ami Go Home!“ oder „USA aus Vietnam raus!“ thematisiert.

Der Bericht war entspannt. Man solle die junge Generation in Deutschland protestieren lassen. Sie realisiere langsam, welche Verbrechen ihre Elterngeneration begangen habe und sei empört. Das sei ein normaler, demokratisierender Vorgang. Man müsse sich in den USA um Deutschland trotz antiamerikanischer Töne keine Sorgen machen. Das werde sich schon geben. 

3.8.25

"Rein in die Kartoffel, raus aus die Kartoffel"

Ich mache mir zunehmend Sorgen um die Problemlösungskompetenz der Politik. Dafür möchte ich vier Beispiele nennen.

Erstens: Bildung. 

Nach den diversen PISA-Schocks suchte die Politik nach Lösungen. Schon einmal habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass die größte Konsequenz dieser Lösungssuche die Verkürzung der Schulzeit war (Stichwort G8). Wobei in den ostdeutschen Bundesländern nichts geändert werden musste, denn die haben seit jeher das Abitur in zwölf Jahren.

Das aber führte im Dickicht der Interessen zu derartigen Verwerfungen, dass nun unter Anderem mein Bundesland NRW mittlerweile wieder zum G9 zurück gekehrt ist. Die PISA-Ergebnisse sind aber immer noch schlecht. Lösungsansätze? Fehlanzeige.

Zweitens: Wehrpflicht.

Im Zuge des Ukrainekriegs ist die Wiedereinführung der Wehrpflicht wieder in aller Munde. Sie wurde eigentlich vor knapp fünfzehn Jahren abgeschafft. 

Der Wehrdienst war damals nur mehr ein Gerippe, weil er immer weiter verkürzt wurde. Soweit ich weiß, waren es zuletzt noch neun Monate Pflichtzeit bei der Bundeswehr. Ich selbst musste - von 2000 bis 2001 - noch elf Monate Zivildienst leisten, der Wehrdienst dauerte dann immer schon einen Monat kürzer. Die Dienstpflicht galt somit irgendwann als nicht mehr zeitgemäß.

Das wollen wir wirklich wieder haben?

Drittens: Teilzeitarbeit.

Es war jahrelang das Ziel der Politik, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dafür wurde und wird die Kinderbetreuung ausgebaut. Und es erging der Appell an die Arbeitgeber, mehr Teilzeitarbeit zu schaffen. Was zunehmend auch gelingt. Immer mehr Frauen lassen ihre Kinder betreuen und arbeiten (zumindest) in Teilzeit. 

Das verringert natürlich die Durchschnittszahl der geleisteten Wochen-, Monats- und Jahresarbeitszeit. Jetzt kommt der Herr Linnemann (CDU) und sagt dazu "Rolle rückwärts". Wir arbeiten in Deutschland angeblich zu wenig, im europäischen Vergleich. Wir sollen wieder mehr arbeiten. Dass das größtenteils an jener Frauenerwerbsbeteiligung durch Teilzeit liegt, scheint er nicht zu verstehen.

Viertens: Atomkraft.

Wenn man der AfD glaubt - was ich nicht tue -, sollten wir schnellstens alle abgeschalteten Kernkraftwerke wieder ans Netz bringen und möglichst Neue bauen. Dabei hat die Kernkraft in ihrer Endphase zum Energiemix nur noch rund sieben Prozent beigetragen. Sie hatte also kaum noch Stellenwert. Ganz abgesehen von dem Raus-Rein-Raus-aus-der-Kernenergie vor und nach Fukushima, wovon ich hier schon einmal schrieb.

Fazit:

"Rein in die Kartoffel, raus aus die Kartoffel" scheint ein gängiges Motto in der Politik zu sein.

18.7.25

Wo ich mich geirrt habe

Ich habe nicht damit gerechnet, dass Friedrich Merz doch noch einmal Kanzler wird. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass es zu einer erneuten Großen Koalition kommt.

Diese Regierungskonstellation hatten wir in den letzten 20 Jahren zwölf Jahre lang. Als Angela Merkel 2021 abtrat, galt das Parteienbündnis eigentlich als abgewirtschaftet.

Dann aber folgte im Februar dieses Jahres der große Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl. Und man muss es so klar sagen: Wer die AfD wählt, wählt die GroKo.

Die „Ampel“ hat sich über viele Details gestritten. Deswegen ist sie vorzeitig gescheitert. Die gescheiterte Richterwahl im Bundestag vergangene Woche zeigt nun aber, dass sich Union und SPD auf vielen Politikfeldern ebenfalls nicht einig sind. 

Bei der „Ampel“ waren die Knackpunkte Soziales, Finanzen und Wirtschaft. Bei der neuen alten GroKo sind es gesellschaftspolitische Themen wie Abtreibung. Die Hetze durch einschlägige soziale wie klassische Medien trägt zusätzlich zur Vergiftung der Stimmung bei.

Ich bleibe bei meiner Aussage, die ich an dieser Stelle schon einmal tätigte. Meine Vermutung ist, dass diese Regierung keine vier Jahre halten wird. Die schnellen Stimmungswechsel in der Bevölkerung und das zunehmende Wechselwählerverhalten werden bald dazu führen, dass es neue Mehrheiten gibt, so prognostiziere ich.

Mal sehen, ob ich damit Recht behalten werde.

13.7.25

1945 – 2025: Achtzig Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus

In diesem Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Ich, als 1980 Geborener, kenne die Zeit aus Erzählungen meiner Lehrer und Verwandten.

Vor 40 Jahren, am 8. Mai 1985, hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor dem Bundestag eine im In- und Ausland sofort allgemein als gültig anerkannte Rede, in der er sagte: „Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit.“

Mein Vater, 1948 geboren, erzählte, wie er als Kind in den 1950er-Jahren auf Trümmergrundstücken spielte. Später hörten sie Elvis Presley, die Beatles und die Rolling Stones, den AFN und BFBS, ließen sich die Haare wachsen, demonstrierten und sorgten dafür, dass sich die junge Bundesrepublik langsam liberalisierte.

Mein erster Englischlehrer auf dem Gymnasium in Hessen erzählte gerne lachend die Geschichte, dass sie als Kinder US-Soldaten um Kaugummi anbettelten mit den Worten: „Have you chewing gum?“ Pädagogisch wertvoll ergänzte er, dass es ja eigentlich „Have you GOT SOME chewing gum for me“ hätte heißen müssen.

Meine Großmutter, auf dem Land in Norddeutschland wohnend, erwähnte, dass die „Kanadier über die Ems geschossen“ hätten. Das fanden meine Eltern immer lustig, weil dort vom Krieg nach ihren Worten ja nicht viel zu merken gewesen sei. 

Meine andere Großmutter war vor den Bomben aus dem Rheinland in den Harz geflüchtet. Sie kehrte erst 1961 nach Hause zurück. 2001 besuchte ich ihre Schwester in den USA. Sie war in den 1950er-Jahren ausgewandert und hatte einen amerikanischen Juden geheiratet. Dessen Familie war naturgemäß nicht eben begeistert, aber das hatte sich bald geklärt.

Im Leistungskurs in der Schule und als Studierender habe ich mich viel mit der Weimarer Republik, ihrem Scheitern, der Zeit von 1933 bis 1939 sowie dem Krieg bis 1945 auseinander gesetzt. Das Grauen, das das „Dritte Reich“ bedeutete, darf meiner Meinung nach nicht nur in Sonntagsreden erinnert werden.

Die Alliierten – Amerikaner, Briten, Franzosen und, ja, auch die Sowjets – waren Befreier. Daraus zu folgern, dass die NS-Zeit nur ein „Vogelschiss“ war, ist geschichtsvergessen und schlicht falsch. Auch, wenn rechte Influencer und Parteien im Internet und auf Märkten andere Dinge behaupten und Einfluss auf junge Menschen nehmen wollen – „Nie wieder ist jetzt!“

Das dürfen wir niemals vergessen.

8.7.25

Dialekte: Warum ich sie nur imitieren, aber nicht praktizieren kann

Wenn ich früher mal irgendwo eingeladen war - das kam selten vor, aber jedenfalls, wenn ich doch mal irgendwo eingeladen war, half ich mir in für mich peinlichen Situationen einfach mit einem Dialekt aus. Ich redete dann bayerisch, sächsisch, rheinisch, hamburgisch...all die deutschen Dialekte eben, die ich imitieren konnte. 

So ein wenig wie in dem legendären Sketch von Peter Frankenfeld, als er vor einer Karte steht, auf die Region zeigt und das dort Gesprochene imitiert.

Meist war ich durch den Dialekt dann aus der peinlichen Situation raus, weil die Leute lachten. Nur ich fühlte mich mies. Heute lasse ich es sein.

Warum ich das schreibe? Nun, heute war jemand von den Stadtwerken bei mir. Er sprach tiefstes rheinisch. Für einen Moment überlegte ich, ob ich, um mich besser und angepasster zu fühlen, einfach so sprechen sollte wie er. Ich ließ es sein.  

Den Frankfurter Dialekt etwa - ich hoffe, so etwas gibt es - mochte ich zu Unizeiten immer sehr. Ich überlegte, wie ich mich meinen Mitmenschen sprachlich anpassen konnte, damit ich "einer von ihnen" werden konnte. Ich ließ es sein.

Einmal war ich mit meinen Eltern im Urlaub in Dresden. Ich bestellte im Hotel, mit imitiertem sächsischen Dialekt, ein Bier. Meine Eltern ermahnten mich sofort, das sein zu lassen. Die Menschen würden sich von mir verarscht fühlen. Ich ließ es sein.

Daheim, in der Schule und an der Uni wurden wir auf hochdeutsch getrimmt. Ich hatte einen Lehrer, der tiefstes "ruhrgebietsdeutsch" sprach. Über den machten wir Schüler uns lustig. Unfair, wie ich heute denke.

Meine Eltern, das schrieb ich hier bereits einmal, sprachen null Dialekt. Meine Mutter konnte ostfriesisches Platt, aber das sprach sie nur sehr selten, wenn sie mal mit Bekannten aus der Heimat telefonierte. Mein Vater, geboren im südlichen Niedersachsen, wo man hochdeutsch spricht, nutzte aber dennoch manchmal Wendungen, die mir fremd waren. So sagte er etwa: "Das müssen wir denn mal machen." Dieses "denn" - das fand ich als Kind komisch. Meine Großmütter waren dagegen mit rheinisch und Platt sprechen aufgewachsen und pflegten das auch. Schon in der Generation meiner Eltern aber war es offenbar nicht mehr üblich, Dialekt zu sprechen.

Was ich heute sehr schade finde.