15.6.22

Die 90er

Ich wollte meinen Blogeinträgen zum Thema Radio und Internet noch etwas hinzufügen.

Hatte ich vergessen.

Ich muss dazu vorweg sagen, mit Computern habe ich vor Internet-Zeiten nie viel am Hut gehabt. Ein Schulfreund hatte schon in den Achtzigern einen C64. Etwas später besaßen viele einen Game Boy.

Hatte ich alles nicht.

Allerdings habe ich das auch nicht vermisst. Ich hatte aber Mitschüler, die Computer besaßen und sich darüber unterhielten. Insbesondere über das Programm „Norton Commander“ und das „Jump'n Run“- Game „Sam and Max“. Da konnte ich nicht mitreden. Ich könnte beide Programme allerdings heute noch bedienen, wenn es sie noch gäbe. Nur wegen der Gespräche.

Aber zurück zum Thema.

Der WDR sendete die Radio-Nachtshow „ARD-Popnacht“ nicht. Das war aber eine meiner Lieblingssendungen.

Also saß ich Freitags nachts vor dem PC und hörte die Sendung online. Kabel und Satellit hatten wir nicht. Die Sendung kam aus Stuttgart. Hier konnte man Faxe mit Grüßen und Musikwünschen hinschicken.

Ein Fax hatte ich.

Und - die Moderatoren lasen meine Faxe regelmäßig vor. Was mich begeisterte und gleichzeitig traurig machte, weil niemand meiner Freunde das hören konnte.

Später war mir das peinlich. Wahrscheinlich haben sich die Moderatoren darüber kaputt gelacht, dass ein Teenie aus dem Ruhrpott nachts Faxe in den Südwesten versendet.

Vielleicht hat jemand Aufzeichnungen von der „ARD-Popnacht“ aus Stuttgart aus den Jahren 1997 und 1998 mit meinen Grüßen?

Ich würde das heute doch gerne noch einmal hören.

Die Songs meines Lebens: Roxette – The Look, 1988

Die Geschichte des raketenartigen Aufstiegs dieser Single und der Platte „Look Sharp“, auf der sie erschien, ist allgemein bekannt. Da war jener US-Student aus Minneapolis, der die Platte von einer Schwedenreise mit nach Hause nahm und sie der örtlichen Radiostation KDWB schickte.

Ja, und die Scheibe blieb erst liegen, dann wurde sie doch gespielt, und wenige Wochen später war sie Nummer Eins in Amerika. Allgemein bekannt.

Per Gessle wollte seine Gitarre auf „The Look“ so klingen lassen wie ZZ Top. Das ist ihm zwar hörbar misslungen, aber der Song wurde dennoch zum Hit. Unter anderem deshalb, weil solcher Rock-Pop-Sound in den USA damals gerade nicht en vogue war.

Gessle nannte in einem Interview das Beispiel Richard Marx, der mit seinem Schmuse-Softpop („Right here waiting“) Ende der 1980er in Amerika sehr viele Platten verkaufte (und heute vergessen ist).

Ich erinnere mich, dass ich glaubte, im Song „Dangerous“ auf "Look Sharp" das Wort „Hitler“ vernommen zu haben. Natürlich singen Marie und Per nicht „Hitler“, sondern „hit like [heat]“, und natürlich kam das auch in den diversen „Hitverhörern“ der deutschen Privatradios vor, die in den 00er-Jahren dort dauernd liefen.

Die Songs meines Lebens – Weiter geht's: Barry McGuire – Eve of destruction, 1965

Mitte der Neunzehn-Sechziger tobte der Vietnamkrieg. Die Jugend und die Studenten in der westlichen Welt begehrten auf gegen ihre Elterngeneration. In Deutschland kam die Dauerherrschaft der Nachkriegselite ins Wanken mit der Regierungsbeteiligung der SPD.

In den USA tobte vielerorts ein erbitterter Kampf zwischen Weißen und Schwarzen. Schwarze forderten ihre Rechte ein und protestierten, zumeist friedlich, gegen Gewalt und Misshandlungen. Die Kennedy-Administration hatte zuvor schon viele gesetzliche Benachteiligungen der schwarzen Bevölkerung abgeschafft. Doch viele Weiße, vor allem in den Südstaaten, wollten das nicht hinnehmen. Der Konflikt kulminierte unter Anderem im Mord an Martin Luther King.

Vor diesem Hintergrund schrieb ein gewisser P. F. Sloan dieses Antikriegs- und Anti-Gewaltlied, das von Barry McGuire interpretiert wurde. Es geht um die Vorfälle in „Selma, Alabama“ und den Hass in „Rotchina“.

McGuire singt: „you may leave here / for four days in space / but when you return / it's the same old place“.Womit er auf das damalige US-Raumfahrtprogramm und den geplanten Start zum Mond anspielt. (Die Lehre: Die Zukunft war das Weltall, doch auf der Erde herrschten teils noch Zustände wie im tiefsten Mittelalter.)

Der Song ist ähnlich verzweifelt und traurig wie „Behind blue eyes“ von The Who, aber hochpolitisch. McGuires Stimme klingt brüchig, fast heiser, als habe er den Song nach dem Konsum diverser Rauschmittel und Zigaretten mitten in der Nacht aufgenommen.

Angesichts der diversen Kriege und Krisen dieser Welt ist der Song so aktuell wie damals.

Man beachte die Kommentare unter ihm bei YouTube.


ERGÄNZUNG, 1.9.22: Es gibt Coverversionen der "Turtles" und der Band "The Pretty Things". Letztere stammt aus Ende der 1980er-Jahre. Klingt aber eher nach "kölschem Karneval" als nach Protest.

14.5.22

Neoklassik vs. Keynes – zwei Wirtschaftstheorien in der Betrachtung

Stimmt es, dass angehende Ökonomen heute nur noch die Neoklassik lernen, und andere Theorien einfach weggelassen werden?

Ich weiß es nicht genau, denn ich habe nicht Ökonomie studiert. Mit den Grundzügen beider Theorien bin ich aber vertraut.

Wenn man politikwissenschaftliche Maßstäbe auf beide Theorien anwenden würde, könnte man die Neoklassik als „rechts“ und Keynes als „links“ verorten. Aber so einfach ist es nicht.

Keynes selbst sah seine Theorie als eine Art Ergänzung, „Weiterdenkung“ zur Neoklassik. So muss man sein 1936 erschienenes Werk auch verstehen.

Mein Vater sagte mir einmal, in den 1970er-Jahren habe man fast ausschließlich Keynes als Grundlage im Ökonomie-Studium gelernt. Kein Wunder, denn das war die Hoch-Zeit der Theorie: Konjunkturprogramme, Nachfragestärkung, „deficit spending“, Ausbau des Sozialstaates etc.

Mit der Stagflation Ende der 1970er begann die Renaissance der Neoklassik – zu dem, was Sozialwissenschaftler als „neoliberal“ klassifizieren: Rückbau des Staates, angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, Steuersenkungen, Deregulierungen etc.

Sinnbildlich dafür standen Thatcher und Reagan. Letzter hatte einen Vizepräsidenten, George H. W. Bush, der die „trickle-down-theory“ seines Chefs als „voodoo economics“ verspottete – und doch als Präsident diese Politik fortführte. 

In Deutschland war dieser Trend nicht so stark zu verspüren. Doch mit Maßnahmen wie BaföG-Kürzungen, Privatisierungen und Haushaltsdefizitbegrenzungen wurde auch hierzulande neoklassische Theorie angewendet.

Welche der beiden Theorien hat nun „recht“? Nun, das hängt immer von der Zeit ab, in der sie angewendet werden. Die Maßnahmen, die Gerhard Schröder Anfang der 2000-er Jahre den Deutschen verordnete („Agenda 2010“), lagen alle schon seit Jahren in den Schubladen von Wirtschaft und Politik. Sie wären auch viel früher herausgeholt worden, wenn nicht die deutsche Einheit dazwischen gekommen wäre.

(ERGÄNZUNG, 16.6.22: Ich habe den Text gestrafft und gekürzt)

20.2.22

Erfahrungen – Wenn man von sich auf alle anderen schließt

In vielen Online-Foren fragen Leute anonym andere Leute irgendwas.

Die antworten dann – ebenfalls anonym – Sachen wie:

„Bei mir war es so…“.

Oder „In unserer Firma…“, „in meinem Studium…“, „in meiner Familie…“.

Oder auch: „Bei einem Bekannten…“, „ich kenne jemanden, der…“ etc.

Oder, ganz selbstbewusst: „(Eigentlich) ist es so…“

 

Mal ehrlich, hat sich der Erkenntnisgewinn durch Internetberatung seit der Erfindung derselbigen innerhalb der Menschheit wirklich erhöht?

Sind die Leute wirklich besser informiert als vor der Massenverbreitung des Internets?

Ich habe da so meine Zweifel.

Natürlich, es gibt Online-Sprechstunden von Ärzten oder Psychotherapeuten, die sind seriös.

Aber da weiß man auch, mit wem man es zu tun hat. Und, dass einem ein Fachmann am anderen Ende gegenübersitzt.

Als ich vor Jahren anfing, mich mit der Frage auseinander zu setzen, was ich studieren will, gab es das Internet auch schon. Aber ich habe noch diverse Ratgeberbroschüren durchforstet, immer mit der Hoffnung auf Erkenntnisgewinn.

Rückblickend muss ich sagen, hat mir die ganze Beratung wenig bis gar nicht geholfen. Ausschlaggebend für meine Studienwahl waren dann ganz andere Faktoren.

Jedem, der heute ein Studium oder eine Ausbildung beginnen will, würde ich sagen:

Hör bloß nicht allein auf das, was dir das Internet sagt! Oder Ratgeber, oder Eltern!

Kopfschüttelnd fällt mir dazu eine Doku über zwei Berufseinsteiger ein, die man heute noch auf YouTube findet. Da sagte ein Personaler einer frisch gebackenen, 23-Jährigen BWL-Absolventin, vor laufender Kamera allen Ernstes ins Gesicht, na, in ihrem Lebenslauf, da fehle doch der rote Faden.

Sie könne er nicht einstellen.

(NACHTRÄGLICHE ERGÄNZUNG: Habe mir das Video noch mal angeschaut: Derselbe Personaler attestierte einem 25-jährigen Politikabsolventen obendrauf noch, er könne gleich gar nichts)

Das Leben ist ein Prozess. Es ist keine gerade Linie. 

Einen roten Faden in dem, was dir passiert, gibt es nicht. Auch, wenn Personaler diesen roten Faden oftmals einfordern mögen:

ES GIBT IHN NICHT! ES IST DAS LEBEN!

 

Dat war dat Wort zum Sonntach!